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Lebensqualität und Lebenszufriedenheit haben direkt positive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes und machen ihn für Fachkräfte und Unternehmen besonders interessant, weiß Hannes Leo.

Glück als Standortvorteil

Zahlreiche Studien haben wissenschaftlich belegt, dass Lebenszufriedenheit ein immer wichtigerer Indikator für die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes wird. Hannes Leo, Wirtschaftsforscher und Berater im Bereich research and policy consulting, spricht im Interview über die Probleme der BIP-Fokussierung, um Wohlstand zu erfassen, und die Bedeutung von Glück für den Standort Tirol.

Tirol ist stolz auf die hohe Lebenszufriedenheit im Land und bezieht diese neben der Forschung und Innovationskraft im Land auch in das Standortmarketing mit ein – warum?

Hannes Leo: Im Wettkampf der Regionen um Fachkräfte und Unternehmen gewinnen aufgrund der zunehmenden Homogenisierung von harten Standortfaktoren immer mehr weiche Standortfaktoren an Bedeutung. Lebensqualität und Lebenszufriedenheit haben direkt positive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes. Sie heben einen Wirtschaftsstandort von anderen ab und machen ihn für Fachkräfte und Unternehmen besonders interessant. Lebenszufriedenheit ist somit ein nicht zu vernachlässigender Faktor für ökonomischen Erfolg.

Was kann ein Ökonom über das Thema Glück sagen?

Leo: Einerseits viel und andererseits wenig. Glück und Lebenszufriedenheit sind ein Ziel wirtschaftlichen Handelns. Die Ergebnisse der Messungen werden allerdings selten berücksichtigt. Wenn es um die Bestimmung des Wohlstands geht, ist das BIP der Indikator. Das derzeitige statistische System ist nicht geeignet, Glück und Lebenszufriedenheit zu erfassen.

Können Sie das konkretisieren?

Leo: Was kommt in die Statistik, wenn man im Stau steht – der Benzinverbrauch, was das BIP erhöht und das Wachstum steigert. Gleichzeitig steigert es aber Unzufriedenheit, CO2-Ausstoß, Klimawandel etc. In der Statistik bleiben aber nur die Auswirkungen auf das BIP. Das BIP an sich bereitet aber noch andere Probleme. So wird die Qualität der hergestellten Produkte unterschätzt.

Gibt es andere Ansätze?

Leo: Viele Ökonomen haben darüber nachgedacht, ob es alternative Konzepte zur besseren Abbildung von Lebenszufriedenheit gibt, so etwa eine vom Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz geleitete Kommission. Das Ergebnis war, dass diese BIP-Fokussierung reduziert und gleichzeitig das BIP besser berechnet werden sollte, dass man aber auch die Lebensqualität in allen Dimensionen – materielle Situation, Gesundheit, Ausbildung, Mitbestimmung, Umweltsicherheit etc. – als Indikator in die Rechnung einbeziehen sollte. Ein dritter Aspekt ist die Nachhaltigkeit des Systems. Das BIP zeigt ja nur, was jetzt verbraucht wird, und nicht die Veränderung der Bestände, die Umweltqualität, die Rohstoffe etc. Das muss aber alles Teil der Berechnung sein, um ein eher holistisches Bild der wirtschaftlichen Aktivitäten zu bekommen.

Wie wird Glück gemessen?

Leo: Im Prinzip mit sehr einfachen Fragen für viele unterschiedliche Aggregate, wie zufrieden eine Person ist. Für Europa zeigen diese Untersuchungen, dass Österreich, die Schweiz und die skandinavischen Länder zu den glücklichsten Ländern gehören – international liegt Österreich auch sehr weit vorn. Wirklich interessant für die politische und ökonomische Diskussion wird Glücksforschung aber erst dann, wenn man in die Details geht.

Zum Beispiel?

Leo: Ohne Arbeit ist man viel weniger glücklich – dabei geht es nicht um das Einkommen, sondern um die Beschäftigung. Ein weiteres Ergebnis: Einkommen ist für Glück sehr wohl positiv, aber nur bis zu einem Schwellenwert von 75.000 Euro im Jahr – darüber wird man nicht noch glücklicher. Glück ist auch relativ zur Umgebung. So werden Menschen in Regionen mit ungleicher Einkommensverteilung oder hoher Arbeitslosigkeit zunehmend unglücklicher – auch wenn sie Arbeit und hohes Einkommen haben.

Was heißt das für Tirol?

Leo: Dass man zu den „harten“ Faktoren für den wirtschaftlichen Ist-Zustand auch – so wie mit der „Zum Glück Tirol“-Kampagne – die „weichen“ hinzuzieht, um mit dieser weiteren Säule die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung besser beurteilen zu können – und das kontinuierlich. Gemeinsam ergeben dann das BIP, das Glücksgefühl der in Tirol lebenden Menschen sowie die ökonomische Nachhaltigkeit ein Gesamtbild über die wirtschaftliche Attraktivität Tirols.

 

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