Foto: Standortagentur Tirol

Vorzeige-Kooperation

"Mitglieder des Clusters Erneuerbare Energien Tirol haben das Kooperieren von der Pieke auf gelernt und lösen zentrale Zukunftsfragen nun gemeinsam", so Landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf vor der Presse zum EU-Projekt Sinfonia. Im Interview berichtet sie zudem von "ordentlichen finanziellen Anreizen" für den kooperativen Sektor.

"Bedingungen wirklich sehr gut"

Wussten Sie, dass Tirol eine Forschungsquote von 3,14 Prozent weit über dem EU-Schnitt hält? Die Tiroler Universitäten und Fachhochschulen jährlich 5.000 Fachkräfte in die Wirtschaft entlassen? Und Tiroler Jungunternehmen hoch wettbewerbsfähig sind? Die Tiroler Wirtschaftslandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf über Strategien für den Standort im internationalen Wettbewerb.

Wie porträtieren Sie Tirol im Ausland?
Mit Themen, die dem breiten internationalen Publikum weniger bekannt sind. Dazu gehören in erster Linie die Top-Leistungen bei Forschung und Technologie sowie die starke Sachgüterproduktion mit Exportschwerpunkt. Das Tiroler Wirtschaftswachstum liegt regelmäßig über dem Österreich-Schnitt, das Produktionswachstum fällt mit 6,8% im Vergleich zum Vorjahr wieder deutlich aus und die Warenexporte liegen mit 11,19 Milliarden Euro auf Rekordhoch. Zudem ist im ersten Quartal 2015 der Wert der abgesetzten Industrieproduktion bereits um 4,2% gestiegen. Ebenso erfreulich ist der Blick auf die Tiroler Forschung und Entwicklung: die regionale Forschungsquote liegt bei 3,14% weit über dem EU-Schnitt und zeichnet Tirol erneut als Top-Technologieregion aus.

Wer forscht in Tirol?
Allen voran 3 Universitäten, zwei Fachhochschulen, 38 Universitätskliniken, eine Reihe außeruniversitärer Forschungseinrichtungen und ein Teil der Unternehmen. Vor allem die Betriebe haben im letzten Vergleichszeitraum stark zugelegt und ihre Forschungsausgaben um knapp 40 Prozent auf 578 Millionen Euro gesteigert. Insgesamt sind im Jahr 2013 in Tirol 911 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung geflossen. 41,5 Prozent dieser Mittel wurden für angewandte Forschung aufgewendet. Im österreichischen Bundesländervergleich ist das der höchste Anteil an anwendungsorientierter Forschung.

Vom Spitzenreiter der Grundlagenforschung zum Anwendungsprofi. Wie ist das gelungen?
Die Wirtschaftspolitik setzt konsequent auf Technologietransfer und Netzwerke. Damit Forschungsergebnisse in Wertschöpfung umgesetzt werden, müssen die Betriebe und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Solche Kooperationen treiben in Tirol eigene Cluster voran. Zudem setzen wir im kooperativen Sektor auch ordentliche finanzielle Anreize: in den bereits genannten Kompetenzzentren unterstützen der Bund Österreich  und das Land Tirol im COMET-Programm oder das Land in der – österreichweit einmaligen - Förderlinie K-Regio mehrjährige, gemeinsame F&E-Projekte von Betrieben und Forschungseinrichtungen mit attraktiven Zuschüssen.

Cluster forcieren immer auch Branchen – welche sind das in Tirol?
Die Tiroler Cluster sind in Stärkefeldern der Tiroler Wirtschaft bzw. Wissenschaft etabliert, die zugleich Zukunftsbranchen sind und vernetzen aktuell etwa 500 Tiroler Betriebe und Forschungseinrichtungen. Im Detail sind das die Fachbereiche Erneuerbare Energien, Holz, IT, Life Sciences, Mechatronik und Wellness. Weil fünf von ihnen aus einer Hand – von der Standortagentur Tirol – gemanagt werden, klappt der Zugang zu Tiroler, aber auch zu europäischen Partnern unkompliziert und schnell. Die Mitglieder nützen aber auch das Know-how der Clustermanagements – diese konnten allein im Vorjahr insgesamt 110 laufende oder geplante Kooperationen beraten.

Gibt es Vorzeige-Kooperationen?
Das EU-Projekt Sinfonia ist eine solche. In diesem Projekt baut Innsbruck einen bestehenden Bezirk mit teilweise altem Baubestand in einen hoch energieeffizienten Bezirk – einen „Smart District“ - um. Die Stadt Innsbruck, die Tiroler Forschung, Wohnbauträger, Energieversorger und eine Vielzahl von Unternehmen arbeiten hier eng zusammen. Gleichzeitig kooperieren diese noch mit einer ganzen Reihe europäischer Partner – denn Städte von Paphos auf Zypern über Rosenheim bis ins schwedische Boras sollen die Maßnahmen im Anschluss adaptieren. Die Initialzündung für das Projekt kam aus dem Cluster Erneuerbare Energien Tirol, seine Mitglieder haben das Kooperieren von der Pieke auf gelernt und lösen zentrale Zukunftsfragen nun gemeinsam.

Wie behauptet sich Tirol noch?
Die hohe Lebensqualität ist und bleibt ein zentraler Faktor. Diese sorgt für eine hohe Lebenszufriedenheit, motiviert Mitarbeiter und zieht Fachkräfte an. Wobei das Fachkräfteangebot stark ist: allein die Tiroler Hochschulen entsenden jährlich 5.000 hochqualifizierte Absolventen in die Wirtschaft. Dazu kommen die Fachkräfte aus insgesamt 11 Höheren Technischen Lehranstalten und eine wachsendes Angebot an internationalen Schulen. Hauptverantwortlich für den Erfolg des Standortes sind aber die innovativen und investitionsfreudigen Tiroler Unternehmen und ihre hochmotivierten Mitarbeiter. Sie füllen die sehr guten Rahmenbedingungen mit Leben.

Wie schaut der weitere Technologiekurs aus?
Alle weiteren Maßnahmen zielen darauf ab, die Basis an forschenden Unternehmen zu verbreitern. Zum einen über bestehende Klein- und Mittelbetriebe: denn die starke Forschungslandschaft und der kräftig geförderte kooperative Sektor bieten diesen einen vergleichsweise einfachen Einstieg ins Thema. Und zum anderen über neue, innovative Unternehmen, die wir gerade forcieren.

Sie sprechen Hightech Start-ups an?
Ja genau. Tirol ist ein Top-Standort zum Gründen. Start-ups speziell im Hightech-Bereich haben ein großes Potenzial. Zudem sind die Rahmenbedingungen in Tirol wie in Österreich im Moment wirklich sehr gut. Die Gründerland-Strategie des Bundes unterstützt unsere Bemühungen, die klugen Köpfe mit ihren innovativen Ideen mit engagierten Unternehmerpersönlichkeiten, die als Business-Angels agieren wollen, zusammen zu bringen.
Für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Tirol sind Forschung und Entwicklung entscheidende Faktoren. Aus den Tiroler Universitäten und Fachhochschulen kommen junge Absolventen, die ihre Ideen in marktfähige Produkte und Dienstleistungen umsetzen wollen. Für diese Entrepreneure gilt es, günstige Rahmenbedingungen zu schaffen. Tirol ist dabei auf einem guten Weg, das untermauert das Ergebnis des GEM Global Entrepreneurship Monitor Austria 2015, dem zufolge 42% der Tiroler Jungunternehmen erfolgreich im Bereich von Nischen agieren. Damit sind sie ein Rückgrat der Tiroler Innovationslandschaft.


Vielen Dank für das Gespräch!

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