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Zurück aus Dänemark

"Positiv überrascht" über die monetären Unterstützungsmaßnahmen, die es in Tirol und Österreich für die Frühfinanzierung von Start-Ups gibt: Florian Föger

Virtuelles Pharmaunternehmen

Florian Föger hat in Tirol die Cyprumed gegründet, damit Proteinwirkstoffe wie Insulin in Zukunft nicht mehr gespritzt werden müssen. Auf dem Weg zu seinem Neo-Unternehmen nützte er den Rundum-Service für Hightech Start-ups im Land.

Florian Föger ist ein Ein-Mann-Unternehmen. Trotzdem spricht er von wir. Was auf den ersten Blick verwirrend klingt, macht Sinn, wenn der Oberländer von seiner Geschäftsidee spricht. So viel Sinn, dass Föger eine vielköpfige Expertenjury überzeugen konnte, die ihn beim von der von der Standortagentur Tirol und der Wirtschaftskammer Tirol organisierten Wettbewerb adventure X zum Tiroler Gründer des Jahres 2014 wählten So viel Sinn, dass Föger kürzlich auch den internationalen Businessplanwettbewerb „Best of Biotech“ der Life Science Austria mit seinem Neo-Unternehmen Cyprumed gewann. Denn Föger will mit seinem „virtuellen Pharmaunternehmen“ weg von der Spritze und eine Plattform-Technologie entwickeln, welche die Verabreichung von Proteinwirkstoffen wie z.b. Insulin mittels Tablette oder Kapsel möglich macht.

„Das Problem bei Proteinwirkstoffen ist ihre Instabilität im Verdauungstrakt, das heißt, sie werden von den Verdauungsenzymen innerhalb kurzer Zeit abgebaut. Somit kommen sie nicht über die Darmschleimhaut in den Blutkreislauf, wo sie ihre Wirkung erzielen sollten“, erklärt Föger. Proteinwirkstoffe müssen daher injiziert werden, doch Spritzen können Schmerzen verursachen oder zu Irritationen und Entzündungen an der Einstichstelle führen, auch ist das Spritzen vielen Menschen unangenehm. „Mehr als 100 solcher Proteinwirkstoffe sind derzeit im Einsatz und circa 250 weitere in klinischen Studien“, weiß Föger. Verständlich also, dass von Seiten der Pharmaindustrie intensiv in diesem Bereich geforscht wird, auch der Oberländer beschäftigt sich schon seit Jahren damit. Zuerst im Rahmen seines Pharmaziestudiums an der Uni Innsbruck, wo er bei Andreas Bernkop-Schnürch über dieses Thema dissertierte, danach sechs Jahre lang in Kopenhagen beim Pharmaunternehmen Novo Nordisk. „Dort laufen derzeit zwei klinische Studien, eine zu oral einnehmbarem Insulin, die zweite zu einem anderen Wirkstoff“, berichtet der 36-Jährige. Die Dänen verfolgen die Strategie, das Insulinmolekül mit biochemischen Methoden zu verändern, damit es gegenüber den Verdauungsenzymen stabiler wird.

Florian Föger setzt auf eine andere Technologie, er legt diese Enzyme sozusagen für kurze Zeit lahm. „Der Arzneistoff bleibt bei mir komplett unverändert, Zusatzstoffe in der Tablette hingegen verhindern den schnellen Abbau“, beschreibt er seinen Ansatz, mit dem er auch ein zweites Problem lösen kann. „Insulin und andere Proteinwirkstoffe sind sehr große Moleküle, die nicht ohne Weiteres durch die Darmschleimhaut in den Blutkreislauf gelangen können“, so der Pharmazieabsolvent. Eine zweite Komponente schafft dieser Schwierigkeit Abhilfe, die Wirkstoffe kommen als intakte Moleküle an ihren Bestimmungsort. „Der Vorteil dieser Methode ist, dass es sich um eine Plattform-Technologie handelt. Die Technologie liegt nicht in den Wirkstoffen, sondern in den Hilfsstoffen und ist somit annähernd universell anwendbar“, ist Föger überzeugt. Eine Überzeugung, die ihn zum Schritt in die Selbstständigkeit motivierte.

„Virtuelle Pharmaunternehmen sind im Bereich der Biotechnologie nichts Ungewöhnliches mehr“, hält der Forscher fest. Er sieht sich selbst als Projektmanager, der Aufgaben auslagert. Das Patentieren seiner Methode etwa an eine Patentkanzlei, die Forschungsaufgaben an Dienstleister, die über die kostenintensiven Labors verfügen – daher das „wir“, von dem Föger spricht. Viele von ihnen kennt er aus seiner Zeit an der Universität und in der Pharmaindustrie, in Innsbruck arbeitet er mit ThioMatrix, einem Uni-Spin-Off von Bernkop-Schnürch, zusammen, Analytik und Pharmakologie organisiert er sich in ganz Europa. Doch auch das kostet Geld, insofern, sagt er, sind „Cash-Preise“ von Wettbewerben wie adventure X und dem Best of Biotech durchaus von Vorteil. Bei ersterem hat ihm insbesondere das neu angewandte Business Model Canvas geholfen, die Geschäftsidee ganzheitlich zu betrachten und nicht zu fokussiert auf die Technologie zu sein. Nach der Preisverleihung wurde ihm dort zudem Jürg Meier vorgestellt, der über 25 Jahre lang in verschiedenen Managementpositionen in den Bereichen Forschung und Technologieentwicklung bei Sandoz tätig war. „Ein Glücksfall“, gibt Föger zu, ist doch Meier nicht nur fachlich ein Experte, sondern war auch über mehrere Jahre als Geschäftsführer des Novartis Venture Fond für Firmengründungen zuständig. Aus den vielen Gesprächen entwickelte sich eine Partnerschaft, heute ist Meier Chairman of the Advisory Board des von Föger gegründeten Unternehmen Cyprumed.

Unterstützung für den Weg in die Selbstständigkeit fand er aber nicht nur bei Meier, sondern auch beim Tiroler Gründungszentrum CAST. „Die CAST-Experten haben mich in allen Bereichen unterstützt und mich auf Förderungsmöglichkeiten hingewiesen“, erinnert sich der Jungunternehmer, der „positiv überrascht“ ist über die monetären Unterstützungsmaßnahmen, die es in Österreich für die Frühfinanzierungsphasen von Start-Ups gibt. „Auf Anraten von CAST habe ich bei der AWS angesucht und kurz vor Weihnachten die Zusage für eine PreSeed-Förderung bekommen“, berichtet der Pharma-Forscher. Diese 200.000 Euro decken den Kapitalbedarf für 2015, somit kann er sich auf sein wissenschaftliches Vorhaben konzentrieren. Und er liegt im Plan.

Für das heurige Jahr steht die Weiterentwicklung seiner Technologie auf dem Programm, um diese sehr gut abzusichern. Auch das folgt einer genauen Strategie. „Mein Ziel ist es nicht, alles alleine bis zur Marktreife durchzuziehen, sondern so früh wie möglich mit großen Pharmaunternehmen zusammenzuarbeiten. Ich liefere das Technologie-Know-how, das Pharmaunternehmen sein Wirkstoff-Know-how“, erläutert Föger. Die Strategie macht Sinn, berücksichtigt man die zeit- und kostenintensive Produktentwicklung in der Pharmaindustrie, die rund 15 Jahre dauern und Milliarden kosten kann.


Dieser Beitrag ist im April 2015 auch im Tätigkeitsbericht der Standortagentur Tirol erschienen.


Cyprumed GmbH

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