Foto: Andreas Friedle

Immun-Checkpoints

Gottfried Baier sucht in Tirol mit einem Big- Pharma-Partner aus Japan nach einem revolutionierenden Krebsmedikament.

"Eine Pille gegen Metastasen"

Gottfried Baier entwickelt an der Medizinischen Universität Innsbruck in Kooperation mit dem japanischen Big Pharma-Unternehmen Daiichi Sankyo ein völlig neuartiges Krebsmedikament.

Vor rund zehn Jahren war die Überlegung, dass Krebs eine Immunerkrankung ist, noch sehr umstritten, weiß der Innsbrucker Forscher Gottfried Baier, „als Immunonkologe bin ich noch belächelt worden“. Bahnbrechende Erfolge erster Immuntherapien (Baier: „Mit ihnen gelang es erstmals, unheilbare Lungenkrebserkrankungen zu kontrollierten Erkrankungen zu machen.“) führten zu einem Umdenken, auch wenn diese ersten Therapien, die eine Reaktivierung des schützenden Immunsystems bewirken, noch limitierte sind. „Erstens sprechen nur wenige der Patienten darauf an, von diesen wiederum sprechen manche zu gut, sprich mit Autoimmunsymptomen an, was einen Behandlungsabbruch erzwingen kann. Und drittens sind Krebsimmuntherapien mit diesen biotechnologisch hergestellten Biologicals extrem teuer, ein Gramm der Substanz kostet das Tausendfache von Gold“, erklärt der Direktor der Sektion für Translationale Zellgenetik an der Medizinischen Universität Innsbruck. Baier möchte daher einen anderen Weg gehen, an dessen Ziel, so des Forschers Traum, „eine Pille gegen Metastasen“ stehen könnte. Erreichen will Baier dies mit dem Zielmolekül NR2F6, einem intrazellulären Immun-Checkpoint, mit dem die Immunabwehr gezielt im Tumor aktiviert werden kann. Tatkräftige und finanzielle Unterstützung erhält der gebürtige Vorarlberger dabei vom japanischen Big-Pharma-Unternehmen Daiichi Sankyo (Umsatz 2015 über sieben Milliarden Euro).


Den europäischen Big-Pharma-Partnern war Baiers Idee, ein völlig neuartiges Krebsmedikament zu entwickeln, das NR2F6 pharmakologisch hemmen kann, zu riskant. „Die Japaner sagten: Sounds good to us“, erklärt Baier, geprüft „und im Labor in Tokio nachgekocht“ wurden seine Forschungsergebnisse zu NR2F6 dennoch – und überzeugten. Eine erste finanzielle Förderung erhielt Baier, um zu zeigen, dass die Erkenntnisse aus dem Mausmodell im Labor auch auf menschliches Tumorgewebe zutreffen: „Das ist uns gelungen.“ Danach checkte Daiichi Sankyo seine zwei Millionen Substanzen umfassende Sammlung nach passenden und nicht-patentierten NR2F6- Hemmstoffen – und wurde fündig.


„Der nächste und aufwendige Schritt ist die chemische Optimierung der vielversprechendsten Substanzen und dann die finale Auswahl des Arzneimittelkandidaten“, sagt Baier, In den nächsten zwei Jahren, ist er optimistisch, sollte sich zeigen, „ob wir die erste Ziellinie, den Start in die klinischen Phasen I und II erreichen können.“ Unterstützung findet er dabei in seinem neuen Christian Doppler Labor. Rund 2,2 Millionen Euro stehen Baier für die weiterführende Forschung an NR2F6 in den nächsten sieben Jahren zur Verfügung, mit diesem Schritt habe er, lacht der 54-Jährige, das komfortable Laborleben verlassen und sich in einen Bereich begeben, „in dem man akademisch auch leicht abstürzen kann.“ Voraussetzungen fürs „Obenbleiben“ bringt Baier jedenfalls mit: Als Bergsteiger war er u.a. im Himalaya am Gipfel des 7161 Meter hohen Pumori.

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