Foto: Andreas Kowacsik

Gesellschaft im Umdenken

Bianca Gfrei: "Mit unseren smarten Heimtests können Menschen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen."

Ein Shift zur Präventivmedizin

Bianca Gfrei, die Gründerin des Health-Start-ups kiweno, über den Boom im digitalen Gesundheitsmarkt und dessen Gesetze sowie die "Konstante" Tirol.


Der digitale Gesundheitsmarkt soll bis 2020 auf über 200 Milliarden Dollar wachsen. Warum boomt die Branche?

Bianca Gfrei: Plakativ gesprochen hatten es Menschen früher schwieriger – es ging darum, den Alltag zu meistern und bei Auftreten einer Krankheit diese zu bekämpfen. Unsere Gesellschaft befindet sich heute in einem Umdenken. Wir leben in einer Luxusgesellschaft, in der es um Fragen der Selbstoptimierung geht und darum, gesund alt zu werden. Es ist sozusagen ein Shift von einer „Reparaturmedizin“ hin zu einer „Präventivmedizin“. Das Gesundheitssystem hinkt hier aber noch maßgeblich hinten nach. Hier sehe ich genau die Chance für junge Unternehmen wie uns – nämlich aktiv die Vorsorgemedizin anzugehen und dort neue Schritte zu setzen.

Gelten für ein Start-up in dieser Branche eigene Gesetze?

Gfrei: Absolut. Gerade unser Markt ist für Start-ups völlig neu und es gibt kaum andere Unternehmen, die den Markt für uns vorbereitet hätten. Wir müssen hier alles selbst austesten und schaffen, wie etwa Zertifizierungen oder Kommunikationskanäle. Die Labor-Branche ist sehr intransparent und für Laien teilweise unverständlich. Was mir bis zur Gründung auch nicht bewusst war, ist die Tatsache, dass die gesamte Labor-Branche nur wenig standardisiert ist, was für uns einen enorm großen Organisations- und Kommunikationsaufwand bedeutet. Die Zusammenarbeit ist durch die fehlende Standardisierung sehr komplex und es ist ein immenser Aufwand, Daten zu strukturieren und zu standardisieren. Was einerseits nach einem Fluch klingt, ist andererseits aber auch ein Segen. Die Markteintrittsbarriere ist nämlich dadurch für potenzielle Konkurrenten sehr groß.

Der kiweno-Shop umfasst inzwischen acht Tests. Warum diese rasche Portfolio-Erweiterung?

Gfrei: Unsere Vision war es immer,  Menschen dazu zu ermutigen, ihre Gesundheit in die eigene Hand zu nehmen. Das ermöglichen wir durch unsere smarten Heimtests und die einfache Online-Datenaufbereitung und -visualisierung. Wir haben sehr schnell festgestellt, dass nicht nur der Bedarf an Tests für Nahrungsmittelunverträglichkeiten vorhanden ist, sondern auch für Mikronährstoffe oder Hormone. Darauf sind wir rasch eingegangen und haben und haben Produkte dafür entwickelt.

Mit Wattens hat kiweno auch einen Standort in Ihrem Heimatland. Was verbindet Sie mit Tirol?

Gfrei: Während wir in Wien primär unsere Softwareentwicklung sowie Marketing- und Sales-Fachleute haben, passiert in Tirol die wirkliche „Handarbeit”. Unser Herz liegt in Tirol. Hier ist unser Ursprung, den wir auch nicht verlieren wollen. Das Recruiting ist ein ganz anderes: In Wien springen viele auf den Start-up- Zug auf und wollen für eine Zeit lang mitfahren. In Tirol haben wir unser Kernteam und sehr loyale Mitarbeiter, die seit Beginn an dabei sind. Wien ist der „Rush“, Tirol ist die „Konstante“.

 

Hintergrund:

Das 2014 von Bianca Gfrei und Robert Fuschelberger gegründete E-Health-Unternehmen bietet Test-Kits an, mit denen Nutzer Hinweise auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Intoleranzen erhalten.

kiweno

 

Dieser Beitrag ist auch im „Standort Tirol“, Ausgabe 02/2017,  erschienen. Die gesamte Ausgabe mit weiteren Nachrichten aus dem Innovations- und Technologieland Tirol können Sie hier nachlesen.

 

 

Zurück

Mehr zum Thema

Datenverarbeitung an der Edge

Tiroler Start-up Swram Analytics nutzt Kameradaten intelligent.

Mehr erfahren

Finanzspritze ins Krankenbett

Innovative Sturz- und Dekubitusprophylaxs aus Tirol revolutioniert das Patientenmonitoring.

Mehr erfahren

Der Zeitfaktor wird unterschätzt

Biotech-Investor und Wahltiroler Jürg Meier im Interview.

Mehr erfahren

"Medizinisches Navi"

Punktgenaue Chirurgie mit Roboters Hilfe

Mehr erfahren

Digitale Preisgestalter

RateBoard startet mit Software für die Privathotellerie durch.

Mehr erfahren

Perfekte Dichtheitskontrolle

Das Kirchbichler Start-up Single Use Support hat Big Pharma im Visier.

Mehr erfahren

Kurze Wege und Motivation

Durst-Chef und Business Angel Harald Oberrauch im Interview.

Mehr erfahren

Der Zaunlocheffekt

Norbert Span und und Marius Massimo sind mit ihrer Gründung der Garage entwachsen.

Mehr erfahren

Der Stoff, der Zukunft bringt

Spin-off superTEX kooperiert mit Thöni, einer Tiroler Industriegröße.

Mehr erfahren