Eisige Innovationen

Polychrome testet Outdoorbekleidung bei Wind und Wetter auf 2436 Meter Seehöhe, Wolfgang Lausecker kühlt Musikinstrumente auf minus 160 Grad ab, Markus Villinger setzt für besseres De-icing auf ein innovatives Lacksystem und LO.LA* bietet eine digitale Checkliste an, um lokales Expertenwissen in ein besseres Lawinenmanagement einzubinden – Tiroler Unternehmer überzeugen mit coolen Ideen und machen Kälte zu ihrem Geschäft.

Ein Treffen mit Michele Stinco und Elisabeth Frey, der Ort ist sofort ausgemacht: Fiss, Talstation, da wo’s aufs Schönjoch raufgeht. Strahlender Sonnenschein, geschneit hat’s auch vor Kurzem, ein idealer Tag fürs Skifahren. Mit Stinco und Frey geht’s in der Gondel hinauf, doch statt mit den anderen Gästen gerade raus Richtung Piste, biegen sie links ab und stapfen den Hang hinauf. Dort, auf 2436 Meter Höhe, haben die beiden ihren zweiten Arbeitsplatz, ein rund 20 Quadratmeter großes Holzplateau. Fünf Oberteile von Schaufensterpuppen blicken in einer Bewitterungsstation Richtung Südosten, bei diesem Wetter sind auch die höchsten Berge Nord- und Südtirols, die 3770 Meter hohe Wildspitze und der Ortler (3905 Meter) zu sehen. Stinco und Frey betreten ihr Freiluftlabor für Outdoorkleidung, getestet wird bei Wind und Wetter, bei Tag und bei Nacht, bei strahlender Bergsonne und klirrender Kälte. „Mehr als minus 33 Grad hatten wir letzte Woche“, sagt Frey.

Was für das polychrome-Labor den Reiz ausmacht (Stinco: „Wie schützt Winterbekleidung vor tiefen Temperaturen, wie verhält sie sich unter realen Bedingungen bei Schnee und Eis.“), ist für Villinger Research & Development das Problem, das es zu lösen gilt. Als begeisterter Flieger weiß Firmenchef Markus Villinger: „Wenn man in Tirol fliegt, kommt man um ein Thema nicht herum: Vereisung.“ Während vor dem Start vorhandene Eisansätze durch Enteisungsflüssigkeit relativ leicht entfernt werden können, ist die Enteisung in der Luft weniger einfach, versagt sie z.B. an den Flügelvorderkanten, am Lufteinlass der Jet-Triebwerke oder beim Propeller, wird es lebensgefährlich.

Die klassische De-icing Technologie – z.B ist auf dem Propeller ein schmales Heizpad angebracht, in dem ein dünner Draht verläuft, der mittels elektrischen Stroms aufgeheizt wird – war für Villinger zu unbefriedigend, folglich begann er vor mehr als zehn Jahren zu tüfteln. Das Ergebnis einer Entwicklungsarbeit ist ein „Lacksystem, das sich durch elektrischen Strom aufheizt und

sich für robuste und leichte Heizsysteme gut eignet“. Mehr ins Detail geht Markus Villinger nicht, erzählt aber, dass seine Mitarbeiter schon mal in Bulgarien sind, um für ein dortiges Energieunternehmen Rotoren von Windkraftanlagen eissicher zu machen, dass bei Airbus sein System Probleme bei Kältebrücken an den Kabinentüren löst, dass er zu Tests in amerikanische Kältelabors eingeladen wurde.

Nicht zu Tests, sondern zur Präsentation ihrer innovativen Lösung rund um lokales Expertenwissen für ein alpines Risikomanagement wurde LO.LA* Peak Solutions zur Ski-WM nach St. Moritz eingeladen. Hinter LO.LA* stecken Stefan Ortner, Andreas Koler, Walter Würtl, Peter Plattner und Michael Holzknecht, richtige Bergfexe, leidenschaftliche Skitourengeher und „alle viel am Weg“, wie Stefan Ortner erklärt. Das genaue Studieren des amtlichen Lawinenberichts ist für sie selbstverständlich, doch immer wieder, so Ortner, sei ihnen aufgefallen, dass die Auskunft nicht ganz mit der aktuellen lokalen Lage übereinstimmt.

„Wenn‘s in Obergurgl schneit, muss es das im Stubaital nicht, wenn am Brenner der Föhn geht, muss es im Pitztal nicht winden“, sagt Ortner und doch sind die südlichen Stubaier und Ötztaler Alpen für den Tiroler Lawinenwarndienst eine von zwölf Regionen in Tirol. Mit seinem Netz an Messstationen und seiner Expertise mache der Lawinenwarndienst, bestätigt der professionelle Risikomanagementexperte, das Beste, was es auf regionaler Ebene geben kann. Und doch kann es sein, dass der Lagebericht nicht der Situation vor Ort entsprechen würde. „Bei einem regionalen Maßstab kann das vorkommen“, betont Ortner, trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los, ob man nicht zusätzlich lokales Wissen nutzen könne. „Der Schweizer Werner Munter hat mit dem Nivocheck ein wissenschaftliches Werkzeug für die lokale Lawinensituation entwickelt“, sagt Ortner. Dieses habe er mit seinen Freunden „handhabbar“ gemacht und Expertenwissen einfließen lassen. „Am Schluss hatten wir einen Zettel“, lacht er. Der Programmierer im Bunde machte aus dem Zettel einen in eine App eingebundenen Kriterienkatalog, LO.LA* war geboren und ist inzwischen in der dritten Saison im Einsatz.

„LO.LA* ist die lokale Ergänzung zum amtlichen Lawinenbericht“, hält Ortner fest. Lokalen Experten – Hüttenwirten, Bergführern, Bergbahnmitarbeitern – steht  damit eine digitale Checkliste zur Verfügung, mit der sie die Wetter- und Schneesituation schnell und einfach bedienbar vor Ort erfassen, dokumentieren und archivieren können. „Wenn sie wollen, können sie die Information auch anderen, z.B. Gästen des Skigebiets, zukommen lassen“,  so Ortner. Das Zielpublikum von LO.LA* seien

daher Skigebiete oder TVBs, zu den Kunden zählen unter anderem die Stubaier Gletscherbahnen, die Mayrhofner Bergbahnen, der Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn oder das Alpincenter Obergurgl. Zum Einsatz kam LO.LA* auch bei den Open Faces Freeride Contests, für die ÖBB Infrastruktur AG wird an einem eigenen Tool gearbeitet. Auch in Japan hat man schon getestet, das einzige, nämlich sprachliche Problem, so Ortner, habe man mit einem gut Deutsch sprechenden Bergführer gelöst.

Schon länger im Einsatz ist die spezielle Tiefkühltruhe von Wolfgang Lausecker. Die Faszination für Eiseskälte brachte er von einem USA-Aufenthalt ins Tiroler Außerfern, 2009 machte er diese Faszination zu seinem Unternehmen und schon der Name ist Programm – CoolTech. Auf minus 180 Grad kühlt Lausecker mit Hilfe von Stickstoff Werkzeuge und Bauteile in seiner Kammer ab, 15 Stunden lang bleiben sie der Eiseskälte ausgesetzt. Dabei kommt es, so Lausecker, zu einer sogenannten Restaustenitumwandlung, zu einer kontrollierten Änderung des Materialgefüges, „die Werkzeuge sind danach dimensionsstabil“.

Ein Stanzwerkzeug für Elektrostecker komme etwa für 25.000 Stück zum Einsatz, danach wird es für drei Monate bis zum nächsten Auftrag auf die Seite gelegt, nennt der Techniker ein Beispiel: „In dieser Zeit verändert sich das Werkzeug.“ Auch wenn diese Änderungen nur im Bereich einiger Mikrometer liegen, kann es sein, dass das Werkzeug klemmt. „Normalerweise wird dann nachgeschliffen“, sagt Lausecker, nicht so bei einem tieftemperaturbehandelten Teil. Neben der Restaustenitumwandlung erhöht sich auch die Verschleißbeständigkeit und somit die Lebensdauer.

Im Ralleysport etwa konnte Lausecker das Serviceintervall für stark beanspruchte Getriebeteile von 500 auf 1000 Kilometer steigern.

Und irgendwann, meint Lausecker, sei er auf Musikinstrumente gestoßen. Dabei hat der Jazzliebhaber festgestellt, dass sich nach einer Tieftemperaturbehandlung das Ansprechverhalten von Blechblasinstrumenten verbessert und die die Klangfarbe verändert. „Instrumente haben gewisse Materialspannungen, die können wir durch die Behandlung rausnehmen“, erläutert Lausecker. Der Tüftler arbeitete an seinem frostigen Kühlprozess weiter, auch Holzinstrumente kommen nun ein seine Kühlbox. Seither, lacht er, kommen zahlreiche Musiker – etwa von der Dresdner Oper, dem Bayrischen Staatsorchester, der Tiroler Landestheater oder den Nürnberger Philharmonikern, aber auch Solokünstler wie Franz Posch – nicht nur für Bergtouren ins Lechtal, sondern schauen mit ihren Instrumenten bei ihm in Stanzach vorbei.

Auf rege Kundschaft können inzwischen auch Michele Stinco und Elisabeth Frey verweisen, auch wenn er, gibt Stinco zu, vor einigen Jahren nicht daran gedacht habe, weit oberhalb von Fiss Outdoor- und Skibekleidung zu testen. Begonnen hat alles damit, dass sich der Ex-Snowboardprofi und diplomierte Textilingenieur auf die Suche nach einem Material begab, das seinen eigenen Anforderungen als Sportler entsprechen sollte: kühlend wenn es zu warm ist, wärmend wenn es kalt ist, flexibel und robust. Daraus geworden ist polychrome, ein spezielles, beidseitig tragbares Dreilagenlaminat. Um die Funktion zu testen, begab sich Stinco in die Natur – und eisige Höhen. Den Prototyp des Freiluftlabors richtete er sich am Glungezer ein, ein Berg mit rund 2677 Meter nahe Innsbruck. Knapp unterhalb des Gipfels, auf einem ausgesetzten Kamm, wo der Föhn schon mal mit mehr als 250 km/h wehen kann. Zweifelsohne spektakulär, aber auch schweißtreibend, zur Glungezerhütte kommt man am Ende nur zu Fuß, die schnellste Zeit, die Frey und Stinco von der Talstation aus schafften, waren eine Stunde und 40 Minuten.

Das sei jetzt in Fiss schon um einiges gemütlicher, schmunzeln die beiden. Einen alten Gasthof haben sie umgebaut, neben Eigenheim ist er ebenso Werkstatt und Verkaufsraum, Zimmer werden auch vermietet. In der Werkstatt zeigt Stinco stolz seine neueste Errungenschaft, eine Ultraschallnähmaschine. Eigentlich für die Medizintechnik gedacht, „nähen“ Frey und Stinco mit ihr ohne Faden, Nadel und vor allem Naht. Die sei immer eine Schwachstelle, wenn es um Wasserdichtheit, Leichtigkeit und Strapazierfähigkeit geht, meint Stinco.

Rauf aufs Schönjoch braucht er jetzt von seinem Schreibtisch aus nur knapp 20 Minuten, sein Alpine Proof Outdoorlabor spielt alle Stückerln. Rund 20 Meter entfernt steht eine Wetterstation, die ständig und online abrufbare Daten liefert – UV-Strahlung, Temperatur, Luftdruck, Wind etc. Online-Cams beobachten die polychrome-Puppen, diese wiederum sind mit Speziallack versehen und verkabelt. Der Lack ist durch eine Computersteuerung erwärmbar, somit kann die Körpertemperatur simuliert und können eventuelle Abkühlprozesse der Outdoorprodukte gemessen werden, was wiederum mit einem eigens entwickelten Alpine-Proof-Wärmerückhaltindex geprüft und bewertet wird.

Für noch mehr Wetterdaten sorgt eine hochgenaue Wetterstation der ZAMG, der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, welche die Bergbahnen Fiss-Ladis

im Zuge einer Kooperation zur Verfügung stellt. Überhaupt sei die Zusammenarbeit mit den Bergbahnen optimal, „auch den Platz fürs Labor haben sie zur Verfügung gestellt“, erzählt Stinco, eine Bedingung sei aber gewesen, dass es sauber sei, lacht er, während er den in der Nacht gefallenen Neuschnee wegschaufelt. Unterschiedliche Tests führt er gerade durch, einen für einen internationalen Hersteller, einen für ein Schweizer Bergsportmagazin. An diese regelmäßigen Produkttests in den Bereichen Outdoor, Ski, Trail etc. habe man anfangs gar nicht gedacht, in der Zwischenzeit sind sie das dritte Labor-Standbein neben Aufträgen der Bekleidungsindustrie und Forschungsprojekten.

Tief vernetzt mit Forschungspartnern sind auch Wolfgang Lausecker und Markus Villinger. CoolTech etwa arbeitet dem Austrian Institute of Technology (AIT) oder dem Fraunhofer Institut in Chemnitz (Lausecker: „Wir wollen das, was bei der Tieftemperaturbehandlung passiert, materialtechnisch auf den Grund gehen.“) zusammen, Villinger zerbrach sich unter anderem mit dem AIT den Kopf, wie energieeffiziente Konzepte und Technologien für lackbasierte Heizsysteme in Elektrofahrzeugen ausschauen könnten. Oder er testete im Windkanal neue Enteisungsmethoden für Tragflächen von Flugzeugen. Der eisfreie Flugzeugpropeller, sagt der Unternehmer aus dem Tiroler Mieders, sei zwar „von der Challenge her“ eine interessante Sache gewesen, würde sich aber aufgrund der Zulassungsmaschinerie und des kleinen Marktes für Flugzeugbauer nur schwer rechnen. Anders schätzt er den Bereich Hubschrauber ein, „die haben bei lifting und non lifting surfaces Probleme bei ungünstigen Vereisungsbedingungen“. Da es dabei nicht nur um Heizung, sondern auch um Generatoren und Leistung geht, ist er überzeugt, dass sein System dafür geeignet ist und den Weg in die Luft finden wird.

Noch weiter nach oben wird es CoolTech bringen. Lausecker hat einen Spezialprozess für Aluminiumkomponenten von Satelliten entwickelt, „2015 hatten wir ein großes Programm am Laufen, von riesengroßen bis ganz kleinen Teilen“. Auftraggeber war ein Münchner Unternehmen, das dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt zuarbeitet. 2018 soll es Richtung Weltall gehen, mit an Bord ist dann auch ein Stück Tirol.

 

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