Von Schnee und Eis

Den Ötzi-Fund bezeichnen die Innsbrucker Forscher Harald Stadler und Thomas Bachnetzer als den Beginn der Gletscherarchälogie, „der Klimawandel eröffnet uns große Chancen, die wir einfach  nützen müssen.“ Weniger wissenschaftliche Euphorie versprüht Georg Kaser, der Klimaforscher weiß, ohne menschlichen Einfluss hätten die Alpengletscher wieder ein Gleichgewicht finden können. Nicht mit Gletschern, sondern mit Lawinen beschäftigen sich Felix Erlacher und Jan-Thomas Fischer. Mit Plastikkugeln und High-Tech-Elektronik wollen sie die Wucht, mit der Tonnen von Schnee ins Tal rasen, besser verstehen.

Der Frühling 1991 war ein ungewöhnlicher. Aus dem Süden war feinster ockerfarbener Staub aus der Sahara in die Alpen geweht worden und hatte sich auf den Schneefeldern der Tiroler Gletscher abgelagert. Im Sommer wirkte der Staub dann quasi als Enteiser – das Sonnenlicht wurde nicht von einer weißen Fläche reflektiert, sondern absorbiert. Das Gletschereis schmolz, schneller und intensiver als in den Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten davor und gab seine Geheimnisse preis, auch Tote, rund ein halbes Dutzend. Was einen unaufgeregten Medienbericht vom 21. September erklärt: „Beim Abstieg von der Finailspitze entdeckten Touristen am Donnerstag unterhalb des Hauslabjochs eine halb ausgeaperte Leiche, von der nur der Kopf und die Schultern aus dem Eis herausragten. Der Ausrüstung nach zu schließen, handelt es sich bei dem Toten um einen Alpinisten: Der Unfall dürfte schon Jahrzehnte zurückliegen.“ Nichts Besonderes für einen Tiroler Sommer halt. Als aber Reinhold Messner, der zufällig an der Fundstelle vorbeikam, einer Südtiroler Zeitung gegenüber meinte, der Tote sei 500 Jahre alt, kam Bewegung in die Sache. Die Gletscherleiche wurde – wenig fachgerecht – geborgen und nach Innsbruck in die Gerichtsmedizin gebracht, deren Leiter organisierte einen Experten der Uni Innsbruck. Konrad Spindler, damals Vorstand des Instituts für Ur- und Frühgeschichte, warf nur einen Blick auf den Toten und dessen Ausrüstung – „mindestens 4000 Jahre oder älter“ lautete sein Urteil.

„Ötzi ist der Beginn der Gletscherarchäologie“, blickt Harald Stadler, Leiter des Instituts für Archäologie der Universität Innsbruck, auf das Jahr 1991 zurück. Es habe zwar Almforschung gegeben und auch ein paar Höhenfunde, aber erst mit dem Toten vom Hauslabjoch richteten die Archäologen und Historiker verstärkt den Blick Richtung Berge – und auch Richtung Gletscher. „Wir kratzen aber erst an der Oberfläche, es ist sicher
 

mehr da, als bisher entdeckt wurde“, ist Stadlers Mitarbeiter Thomas Bachnetzer überzeugt.

Recht geben wird ihm wohl Georg Kaser, auch wenn der Klimaforscher weniger wissenschaftliche Euphorie versprüht, sobald er über den Rückgang der mächtigen Eisriesen spricht. Die rund 300-jährige kleine Eiszeit war eine Anomalie in der jüngeren Klimageschichte, weiß der Experte, die Gletscher wären dadurch angewachsen. Seit circa 1850 wurden die Gletscher wieder kleiner. Ohne menschlichen Einfluss (Kaser: „Eine zusätzliche Heizung.“) hätten sie, sagt der Forscher, bald wieder ein Gleichgewicht finden können. „In den Alpen sind sie aber weit aus dem Gleichgewicht“, betont der Glaziologe.

Dass der Südtiroler zu einem der weltweit einflussreichsten Klimaforscher geworden ist, verdankt er seiner Leidenschaft fürs Bergsteigen – und einer Hintertür. Denn obwohl er zeit seines Studiums und seiner ersten Berufsjahre die Gletscher vor dem eigenen Fenster hatte, kam Kaser über die Tropen ins Zentrum der globalen Gletscher- und Klimaforschung. Es war in den 1980er Jahren, als Peru an der Uni Innsbruck um Unterstützung anfragte. Es gäbe wieder Probleme mit den Gletschern. Kaser, damals Assistent am Institut für Geographie, reiste in die Cordillera Blanca und wurde „mit Fragen konfrontiert, an die ich nie gedacht hätte – in Peru gab es wieder eine Reihe dramatischer Situationen, ähnlich denen, die in der Vergangenheit tausende Tote gefordert hatten.“ Von Südamerika wandte er sich den Gletschern in Afrika zu, landete schließlich am Kilimanjaro. Aufgrund seiner bahnbrechenden Arbeit zu diesen Gletschern wurde er von der Atmosphärenchemikerin Susan Solomon ins Autorenteam für die Erstellung des vierten Reports des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) eingeladen. 2007 erhielt der IPCC dafür den Friedensnobelpreis.

Die Arbeiten Kasers und seiner Institutskollegen zum Klimawandel finden Niederschlag im Forschungsschwerpunkt „Alpiner Raum – Mensch und Umwelt“, den sich die Universität Innsbruck gesetzt hat – Schnee und Eis spielen dabei eine wichtige Rolle. Innsbrucker Botaniker etwa erforschen, wie sich Pflanzen vor Frost schützen, Geografen simulieren die zukünftige Schneesicherheit heimischer Skigebiete, Zoologen untersuchen die durch Gletscherschmelze entstandenen neuen hochalpinen Gewässerlandschaften und die in ihnen lebenden Kältespezialisten, Mikrobiologen widmen sich den Mikroorganismen in Böden jenseits von 3.000 Höhenmetern.

Seit Kurzem befasst sich auch ein Informatiker der Uni Innsbruck, besser gesagt mit der unheimlichen Wucht, mit der Tonnen von Schnee als Lawinen ins Tal rasen. Darauf gestoßen ist Felix Erlacher über Jan-Thomas

Fischer, die beiden kennen sich schon lange. Fischer ist Lawinendynamiker, arbeitet am Institut für Naturgefahren des Bundesforschungszentrums für Wald. Ihn interessieren die Bewegungen von Lawinen, er will wissen, warum eine Lawine sich in eine bestimmte Richtung wendet, wie weit sie ins Tal kommen kann, wie sie beschleunigt. Schon vor längerer Zeit kam ihm daher der Gedanke, direkt in der Lawine zu messen, konkret mit sogenannten Inertial Measurement Units, eine Kombination mehrerer Sensoren wie z.B. Beschleunigungs- und Drehratensensoren. Eine Linzer Firma baute einen Prototyp, Fischer merkte aber bald, dass er im Bereich Mikro- und Elektrotechnik an seine Grenzen anlangen würde. Womit Erlacher ins Spiel kam, der sich mit Sensoren, vor allem aber auch mit der Kommunikation zwischen Sensoren beschäftigt: „Wir haben uns gesagt: Nehmen wir doch auch Funk mit ins System.“

Das Ergebnis der Lawinenkunde-Informatik-Kooperation sind nun bunte Spezialgehäuse, gefertigt mit 3D-Druckern, vollgepackt mit High-Tech-Elektronik, die, so Erlacher, „miteinander reden können“. Zum Einsatz sollen sie unter anderem quasi vor der Haustür kommen, auf der Nordkette oberhalb von Innsbruck, wo regelmäßig – zur Sicherung des Skigebiets – Lawinen abgesprengt werden. „Wir wollen uns anschauen, wie sich die Kugeln in der Lawine bewegen, in einem weiteren Schritt, wie sich Kugeln mit unterschiedlicher Größe, Form und Dichte verhalten“, berichtet Fischer. Aus den gemessenen Daten, so der Plan, sollen verbesserte Modelle entstehen, die wiederum in die Planung alpiner Gefahrenzonen und entsprechender Schutzmaßnahmen einfließen. Auch für Erlacher gibt es interessantes Neuland zu betreten. „Wir wissen bis jetzt nur wenig, wie sich Schnee auf die Signalausbreitung auswirkt, und welche Kommunikationsmethode sich am besten in diesem Medium eignet“, erklärt der Informatiker. Bewährt hätten sich, lachen Fischer und Erlacher, auch die knalligen Farben ihrer Kugeln. Einerseits sieht man sie, wenn sie bei Tests an der Oberfläche sind, anderseits, sagt Erlacher, „wenn eine in der Lawine verloren geht, finden wir sie im Frühjahr nach dem Ausapern leichter wieder“.

Ausgeapert ist auch auf den Gletschern in den letzten Jahrzehnten so einiges. Neben dem Sensationsfund Ötzi überraschte etwa ein Schneeschuh, der am Gurgler Eisjoch in Südtirol freigegeben wurde – er stammt aus der Jungsteinzeit, aus der Zeit zwischen 3.800 und 3.700 vor Christus und ist somit älter als Ötzi, der, so weiß man seit einer genauen Radiokohlenstoffdatierung, zwischen den Jahren 3359 und 3105 vor Christus starb.

Doch es sind nicht nur die historisch beachtenswerten Funde, die Harald Stadler interessieren, er hat eine Leidenschaft für die „Mikrogeschichten aus dem Eis“ entwickelt. Mehrfach war er etwa schon am Gradetzkees in Osttirol, wo man schon 1920 einen Toten mit Taschenuhr und Vorderlader im Eis entdeckte – den Wilderer Norbert Mattersberger, der 1839 von einem Jagdausflug nicht mehr zurückkehrte. Im Jahr 2002 gab der Umbalkees die Überreste einer 1941 notgelandeten Junkers Ju 52 frei – Stadler rekonstruierte mit Historikern und Flugzeughistorikern den Unfall und die Rettung der Besatzung. Wichtig sei, sagt der Innsbrucker Forscher, dass man rechtzeitig vor Ort sei, organisches Material wie Leder oder Fell sei spätestens nach zwei Jahren zerstört. Daher arbeiten Stadler und Bachnetzer eng mit Hüttenwirten, der Bergrettung und dem Alpenverein zusammen, für Wanderer hat man eine auf Berghütten in Gletschergebieten aufliegende Broschüre erstellt, um für den Fund von Objekten aus dem Eis zu sensibilisieren und Tipps zum richtigen Verhalten zu geben.

Doch nicht nur das Eis gibt Schätze frei, auch dort, wo schon lange kein Eis mehr den Boden bedeckt, werden die Forscher fündig. Es war ein unscheinbares Stück Holz, dass im Zuge einer Begehung im Bereich des Vorderen Umbaltörls in Prägraten entdeckt wurde. „Durch die C14-Datierung wissen wir, dass es aus der Zeit zwischen 700 und 400 vor Christus stammt“, sagt Thomas Bachnetzer, „wir wissen aber nicht, was es mit den eingeschnitzten Kerben auf sich hat, möglich wäre z.B. eine Art Zählung, etwa von Tieren.“ Gewissheit haben die Forscher aber, dass es sich beim Vorderen Umbaltörl um einen Übergang handelt, der schon vor 2500 Jahren genutzt wurde. Auch sonst hat sich der Wissensstand um die prähistorische Erschließung des Hochgebirges erweitert. Wusste man Mitte der 1980er Jahre nur von einem mittelsteinzeitlichen Fund in alpiner Höhenlage in Tirol und Vorarlberg, sind heute laut Bachnetzer über 115 bekannt. „Wir können davon ausgehen, dass die meisten zugänglichen Flächen im Hochgebirge in der Prähistorie saisonal für die Jagd oder Alm- und Weidewirtschaft genutzt worden sind“, ergänzt Stadler. Eine Mitarbeiterin arbeitet im Rahmen eines Projekts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an einer Karte mit Hot Spots, Gegenden und Übergänge, die besonders interessant – und in Bälde eisfrei werden dürften. „Der Klimawandel eröffnet uns mit dem Rückgang des Eises große Chancen, die wir einfach nützen müssen“, gibt sich Stadler optimistisch.

Wie der Stand der globalen Gletscherwelt ist, kann

seit 2012 mit Hilfe des ersten weltweiten Gletscherinventars eruiert werden. „Als ich für den fünften IPCC-Bericht als Lead-Autor eingeladen wurde, habe ich mit einem Kollegen die Community aufgefordert, uns aktuelle Daten auf den Tisch zu legen. Da ist sozusagen ein Flächenbrand ausgebrochen“, schmunzelt Georg Kaser. Die Kollegenschaft legte sich ins Zeug, die Sammlung „fantastischer neuer Daten“ wurde gerade noch rechtzeitig fertig und trug, betont der Professor am Institut für Atmosphären- und Kryospährenwissenschaften, wesentlich zu den im 5. IPCC-Bericht dargestellten Erkenntnissen bei. Das Inventar der rund 200.000 Gletscher (ihre Fläche beträgt rund 730.000 Quadratkilometer, ihr Volumen etwa 170.000 Kubikkilometer) bildet nun die Grundlage, um das Ausmaß der Reaktion der Gletscher auf Klimaänderungen besser modellieren zu können. Gletscher seien, sagt Kaser, „Maschinen“, die Wetter in Klimasignale umwandeln. Dabei geht es nicht nur um Temperatur und Niederschlag, sondern um mehr, wie z.B. Feuchtigkeit und Wind. „Diese Prozesse können wir heute auflösen und damit das aktuelle Klima verstehen, aber auch in die Vergangenheit blicken und zukünftige Zustände berechnen“. Viele neue Antworten hätten sich daraus ergeben, etwa dass die Gletscher des Kilimanjaro nur wenige hunderte Jahre alt sind und dort nicht hingehören. Daraus ergaben sich wieder neue Fragen: „Welche ungewöhnlichen Bedingungen ermöglichten die Entstehung dieser Gletscher?“

Neuen Fragen will auch Harald Stadler mit seinem Team in Zukunft nachgehen. In Thaur, einer kleinen Gemeinde nahe Innsbruck, legten die Innsbrucker Archäologen vor einigen Jahren die Reste einer mittelalterlichen Burg frei, die einzige in Tirol, sagt Stadler, aus der ottonischer Zeit, also aus dem 9. bis 10. Jahrhundert. Doch trotz intensiver Forschungen fand sich – nicht ungewöhnlich für diese Zeit – keine einzige schriftliche Quelle. Dass die Burg in Vergessenheit geraten ist, könnte eine „natürliche“ Ursache haben – der Kiechlberg liegt in einem Lawinenstrich, die Schneemassen stoßen von Zeit zu Zeit bis ins Inntal herab. Vielleicht, mutmaßt Stadler, wurde die Burg einst von einer Lawine zerstört und nicht wieder aufgebaut. Ob eine Lahn im Tal noch solche Wucht besitzt, dass sie ein gemauertes Gebäude zerstören kann? Die Simulation einer Lawine könnte dem Archäologen vielleicht die Antwort geben.

 

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