Der Vordenker

Als Andreas Wieser 1984 nach Tirol kam, war der Lanserhof oberhalb von Innsbruck noch ein Bushotel. Mit jugendlichem Elan, so Wieser, stürzte er sich in die Aufgabe, arbeitete mit Ärzten und Forschern der Universität Innsbruck zusammen und vernetzte Medizin-Experten mit Psychologen und Therapeuten. Heute wird der Lanserhof regelmäßig als „best medical resort“ ausgezeichnet, das LANS Med Concept wird auch im Lanserhof Tegernsee und im LANS Medicum Hamburg umgesetzt. 2012 verkaufte Wieser seine Anteile am Lanserhof, seither entwirft der „Galerist für Visionen“ neue Konzepte für Gesundheit, Medizin, neues Bewusstsein und gesellschaftliche Evolution.
 

Sie haben 1979 den Kärntner Robinson Club am Katschberg entwickelt. Das war damals neben Club-Med das erste Winterprogramm mit Entertainment, Sport und Gesundheit. Wie hat es Sie als Vorarlberger nach Kärnten verschlagen?

Andreas Wieser: Ich habe in Lausanne Tourismus und Hospitality studiert. Da hat sich bei mir frühzeitig eine gewisse Aversion gegen die bombastischen Fünf-Stern-S-Hotels entwickelt. Daher war ein Robinson Club für mich der ideale Platz, wo Entertainment, Bewegung und Lebensfreude das bestimmende Thema wurde – wie überhaupt in dieser Zeit. In Kärnten haben wir damals das Sommerkonzept, das in den südlichen Clubs erfolgreich war, für den Winter umgearbeitet und somit den ersten Winterclub in den Alpen entwickelt – unter anderem mit Franz Klammer, dem Abfahrtsolympiasieger von 1976. Für mich war das eine herausfordernde Aufgabe: Entertainment, Wintersport und Hospitality mit einem motivierten Team umzusetzen. Also weg vom starren Hotel-Ferien-Skischulkonzept hin zum Entertainment. Mit Kärntnern war das ja kein Problem.

Gab es damals schon einen gesundheitlichen Aspekt?

Andreas Wieser: Ich bin jeden Tag gelaufen, ein, zwei Stunden, und hab mich immer mehr mit Gesundheit und Bewusstsein beschäftigt und am eigenen Körper geforscht, welche Lebensformen ideal für eine gesunde stabile Prävention und Psyche sein könnten.

1984 kam es zum Sprung nach Tirol in den Lanserhof oberhalb von Innsbruck, damals ein…

Andreas Wieser: … Bushotel. Der Lanserhof wurde in der Gold-Rush-Euphorie Anfang der 70er Jahre gebaut. Die Besitzer Eichberger/Oberhofer glaubten an die große Chance eines touristischen Angebots am Fuße des Patscherkofels. Ich war damals in Kontakt mit Erich Rauch, Arzt und der „Fasten-Papst“ im deutschsprachigen Raum. Er führte als ärztlicher Leiter das Golfhotel am Wörthersee in Kärnten, „das Gesundheitszentrum für die Franz-Xaver-Mayr-Kur“. Rauch hatte einen Überschuss an Gästen aus dem süddeutschen Raum und der Schweiz, worauf wir in Lans mit seiner Unterstützung eine „westliche Gesundheits-Destination“ entwickelt haben. Zusammen mit Martin Winkler als Arzt und Ganzheitsmediziner haben wir dann die Institution Lanserhof, die heute weltbekannt ist, aufgebaut.

Das Kapital, über das ich verfügte, habe ich in Inserate und Werbung in der „Neuen Zürcher Zeitung“ investiert – „Boxenstopp für Manager“. 15, 16 Gäste haben dann direkt gebucht und waren begeistert von dem Angebot und der Performance des Teams. Im Schneeballeffekt hat sich die Botschaft verbreitet und dadurch zahlreiche andere Gäste angelockt.

Wellness steckte damals in Tirol noch in den Kinderschuhen. Wie wurde der Lanserhof in der einschlägigen Branche wahrgenommen?

Andreas Wieser: Wenigen war damals ein so umfassendes Angebot für Regeneration bekannt. Geändert hat sich das langsam, als die ersten Wellness-Hotels am Markt sichtbar wurden. Josef Stock im Zillertal, das Posthotel Achenkirch von Karl Reiter, Franz Pirktl mit dem Resort Schwarz, das waren die Solitäre, die dann erfolgreich mit Wellness begonnen haben.

Es war in der Mitte der 80er Jahre, als sich eine Gruppe Tiroler Hoteliers zusammenfand, um sich über ihre Erfahrungen mit Wellness, den aus den USA kommenden und in Tirol noch unbekannten Trend auszutauschen. Von Anfang an war Franz Pirktl dabei, der Mitte der 1980er Jahre am Mieminger Plateau mit einem für eine klassische Tiroler Winterdestination schwerwiegenden Problem zu kämpfen hatte – auf der sonnigen Mittelgebirgsterrasse oberhalb des Tiroler Oberinntals blieb der Schnee aus. Pirktl reagierte mit ein „paar Angeboten rundherum: Sauna, Schwimm- und Dampfbad sowie einfachen Wellnessprogrammen wie Tautreten und Kneippen.“ In etwa der gleichen Zeit hatten Barbara und Josef Stock in Finkenberg ihr Restaurant Bratpfandl „um ein paar Zimmer“ zum Sporthotel Stock erweitert. Am Achensee hatte Wolfgang Kostenzer den elterlichen Betrieb übernommen und begann in der Alpenrose neue Strategien zu entwickeln. Mit von der Hotelierspartie waren auch die Berater Josef Knabe und Reinhard Schrott. 1992 schließlich wurde der Verein „Tiroler Wellness Hotels“ aus der Taufe gehoben, mit innovativer Produktentwicklung und kreativen Marketingaktivitäten begann man sich als Wellness-Spezialisten zu positionieren – auch über Tirols Grenzen hinweg, daher schon ab 1995 als „Wellness Hotels Austria“, seit 2015 überhaupt als „Best Alpine Wellness Hotels“. Unter diesem Namen garantieren 19 familiengeführte Wellness-Resorts hohen Qualitätsstandards und ein ganzheitliches Konzept für Körper, Geist und Seele.

Als Sie den Lanserhof gepachtet und übernommen haben, befanden sich Lans und das benachbarte Igls im andauernden Winterschlaf.

Andreas Wieser: Ja, die gute Zeit dort oben war vorbei, Olympia war Vergangenheit. Wir sind mit jugendlichem Elan losgezogen, haben im wahrsten Sinne des Wortes Türklinken bei Presse und Industrie poliert, um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Mit verschiedenen Abteilungen der Universität Innsbruck haben wir erforscht, dass das, was wir im Lanserhof tun, wissenschaftlich fundiert ist. Viele dieser Ergebnisse und Dialoge haben zu einer erweiterten Sichtweise des heutigen Komplementärmediziners und dessen Berufsbild beigetragen.

Warum ein neues Berufsbild?

Andreas Wieser: In der medizinischen Ausbildung lernt man relativ wenig über die Prävention für ein langes,

gesundes Leben. Der Arzt ist meist ausgebildet, um in Notfällen zu helfen, Instand-zu-setzen und einen Menschen in kurzer Zeit in seiner Gesundung anzuleiten. Für uns war es wichtig, dass sich der Arzt als begleitender Partner des Gastes mit dem gesunden Altwerden, Ressourcen, Ernährung, Bewegung, Entspannung, der Regeneration, der stabile Prävention, basierend auf Genetik, Prädispositionen und seinem sozialen Umfeld auseinandersetzt.

Wie haben Sie diese Überlegungen weitergeführt?

Andreas Wieser: Es kamen dann die Stressjahre der sogenannten Informations- und Wissensgesellschaft, verursacht durch die Beschleunigung der Zeit und vermehrter Komplexität, was uns vor die Aufgabe stellte, die Ursachen der damals häufig festgestellten Stresssyndrome herauszuarbeiten. Wir stellten uns die Frage, welche Antworten es für den modernen Menschen in den Bereichen Stoffwechsel, Psyche, Bewegung, Bewusstsein und Soziales braucht. Wir vernetzten dann die verschiedenen Medizin-Experten mit den Psychologen und Therapeuten interdisziplinär. Das war einzigartig im Markt und man kann sagen „der entscheidende Durchbruch“. Der Gast erkannte dann schneller die Zusammenhänge von Work-Life-Balance und den notwendigen Änderungen seines Lebensstils.

Andreas Wieser begann mit seinem Team am Lanserhof, eine Symbiose aus Spitzenmedizin, Naturheilkunde, anerkannten Therapieverfahren, neuestem wissenschaftlichen Know-how in einer angenehmen Urlaubsatmosphäre zu entwickeln, das Ergebnis ist das LANS Med Concept. Aufbauend auf den Erkenntnissen des österreichischen Arztes F. X. Mayr geht es um die Entgiftung, Entschlackung und Entsäuerung des Körpers, damit dieser überhaupt regenerieren kann und auf verschiedene Behandlungen anspricht. Das Konzept kombiniert diese Reinigung mit Präventions- und Regenerationsmedizin, Körper- und Bewegungstherapien, Entspannung, Stressmanagement und einem wissenschaftlich fundierten Beauty- sowie einem ausgewogenen Ernährungsprogramm. Eng zusammengearbeitet wird mit der Universitätsklinik Innsbruck, wobei vor allem auf die radiologischen und diagnostischen Untersuchungen zurückgegriffen wird. In den letzten Jahren wurde der Lanserhof regelmäßig national und international als „best medical resort“ ausgezeichnet, inzwischen wird das LANS Med Concept auch im Lanserhof Tegernsee und LANS Medicum Hamburg umgesetzt.


Sie beschäftigen sich jetzt schon seit Jahren mit Gesundheit. Was ist denn Gesundheit?

Andreas Wieser: Nach dem Verkauf meiner Unternehmensanteile 2012 an Christian Harisch, Anton Pletzer und Stefan Rutter forschte ich dann in Graz und schloss mit dem Ph.D der Gesundheitswissenschaften ab. Mir wurde klar, dass Gesundheit nicht nur eine Abwesenheit von Krankheit ist, sondern die höchste Entfaltungsform des Lebens, die ich haben kann, um frei, kreativ und schöpferisch in den Alltag gehen zu können. Dieser Zustand kann zu einer höchsten „Heilheit“ führen. Das gelingt uns nicht mit privatem Leistungssport, den viele Führungskräfte meinen machen zu müssen. Dieser Zustand kann zu einer höchsten „Heilheit“ führen. Das gelingt uns nicht mit privatem Leistungssport, den viele Führungskräfte meinen machen zu müssen. Auch nicht  mit Tralala-Wellness und Pampering zur Verlängerung der Wehleidigkeit. Die Überforderung durch

Komplexität, Formen der Depressivität, narzisstische Entwicklung, Vereinsamung, gestörte Biorhythmen, emotionale Traumen und Sinnlosigkeit sind heute vermehrt anzutreffen. Wenn wir das noch koppeln mit Freizeit-Leistungssport oder Freizeit-Stress, stellt sich die Frage, ob das nicht eine missverstandene Prävention ist.

Was wären die Alternativen?

Andreas Wieser: Ein neues Forschungsgebiet ist die Psycho-Neuro-Immunologie, die das komplexe, hochdynamische vernetzte System des Menschen analysiert, die Dynamik der bio-psycho-sozialen Prozesse. Es geht also um einen transdisziplinären Blick zwischen Medizin, Biologie und Neurowissenschaften. Wir leben in der Schöpfungswirklichkeit eines hochintelligenten, universalen Geistes, in einem Hologramm energetisch transformierter Informationen. Zunehmende Erkenntnis, Heilung und Einsichten in den eigenen Ursprung werden uns gewahr. Bewusstsein und Co-Creation sind in unserer Kultur meist in Vergessenheit geraten und sollten daher wiederentdeckt werden. Das zeigt auch die weltweite steigende Yoga-Bewegung.

Können aus solchen Trends wie jenem Richtung Yoga Schlüsse für einen zukünftigen Wellness-Tourismus gezogen werden?

Andreas Wieser: Ja, unsere Aufgabestellung ist es, neben den bisher erfolgreichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen vermehrt für die leiblich-seelische-soziale Entwicklung und Optimierung zu sorgen, weil dies unter anderem auch die Voraussetzungen für eine stabile Prävention und Regulation ist. Das heißt, es braucht erweiterte Konzepte. Von der Reparatur-Mechanik zur „Wohlfühl- und Optimierungsmedizin“ für eine Gesundheit als glückliches Element des Lebens. Womit wir nach Tirol kommen.

Warum gerade nach Tirol?

Andreas Wieser: Tirol hat auch im Vergleich zu anderen Regionen eine der größten Dichten an Wellness-Unternehmen bzw. Wellness-Hotels. Der Kunde weiß heute aus den zahlreichen Medien sehr viel, was seiner Gesundheit und Entspannung vermeintlich gut tut. Dementsprechend groß ist die Erwartungshaltung an eine Gesundheitsdestination oder ein gesundheitstouristisches Setting. Dafür benötigt es beseelte Menschen, die sich ständig weiterentwickeln. Die Einrichtungen müssen von Personen geleitet werden, die Gesundheit und Heilwerden von Grund auf selbst leben. Der Kunde erwartet nicht nur den Gastgeber, sondern den Freund, den Coach, jemanden, der ermutigt, inspiriert und der ihm sagt, wie er am besten wieder an seinem Gesundheits-, Glücks- und Lebensgefühl andockt.

Sehen Sie noch weitere Entwicklungen?

Andreas Wieser: Klimatische, epidemiologische und touristische Faktoren sprechen für innovative Entwicklungen von neuen regionalen Gesundheitsstrategien und gesundheitstouristischen Settings. Sinkende Niederschläge, kürzere Skisaisonen, ein zunehmender differenzierter Gesundheitsmarkt, steigende Lebenserwartung und der rapide Anstieg von chronischen Erkrankungen unterstreichen diese Branchen-Trends in Richtung Gesundheitstourismus.

Kann Tirol darauf reagieren?

Andreas Wieser: Tirol hat medizinische Kompetenz.

Hier gibt es im Gegensatz zu anderen alpinen Regionen noch Gastgeber, denen Hospitality meist noch Freude macht. Mitarbeiter, die begeisterungsfähig sind. Hier finden wir Teams, die auf Augenhöhe mit den Gästen kommunizieren. Die Aufgabe ist es, die Arbeitsplätze so attraktiv und spannend zu gestalten, dass hier gerne gearbeitet und co-kreiert wird.

Was bietet Tirol noch abseits medizinischer Kompetenz und seiner Rolle als Gastgeber?

Andreas Wieser: Tirol ist prädestiniert für einen nomadischen urbanen Menschen, der seine Grundhaftung verloren hat. Tirol bietet Natur in verschiedensten Formen, von den kargen Bergen bis hin zu einer bewaldeten Struktur. Hier finden wir gigantische Erlebnis- und Freiräume. Es gibt eine Studie zweier Mediziner, Wolfgang Schobersberger und Egon Humpeler, über die Zusammenhänge von Höhenlage, bewusster Bewegung in der Natur und deren Einflüsse auf Stoffwechsel, Nervensystem, Regeneration und Bewusstsein. Dann noch der „Biophilia-Effekt“. Japanische Forscher haben nachgewiesen, dass Bäume Terpene und bioflavonoide Stoffe verbreiten, die das Immunsystem positiv beeinflussen sollen. Wald haben wir in Tirol ausreichend. So wie Berge, in ihrer Erhabenheit und kulturell aufgeladene Städte, die zum schnellen Eintauchen einladen.

Sie haben jetzt von Natur und Stadt gesprochen. Wie steht es mit den Menschen?

Andreas Wieser: Untersuchungen zeigen, dass sich die Tirolerinnen und Tiroler als die gesündesten Menschen in Österreich fühlen und ein paar Jahre länger leben als der Rest Österreichs. So zeigt sich, wie gesund Leben in den Bergen und in der Natur sein kann.

Dazu braucht es aber auch entsprechende Konzepte.

Andreas Wieser: Sicher. Es ist bekannt, dass das 50 Prozent der Österreich-Gäste für ihre Urlaubsentscheidung Gesundheit nennen. Touristische Dienstleister sollten daher zukünftig mehr in innovative, intelligente Angebote und Konzepte investieren. Zusammen mit Experten der Universität  Innsbruck und der Tiroler Privatuniversität UMIT könnten Bereiche erforscht werden, die der moderne Urlaubsgast für seine Entwicklungen sucht und benötigt.

Wohin zieht es eigentlich den modernen Urlaubsgast?

Andreas Wieser: Die Unsicherheitsfaktoren in den weit entfernten und nur per Flugzeug erreichbaren Destinationen werden größer, daher werden die alpinen Nahgebiete wieder attraktiver. Tirol hat damit neue Zukunfts-Chancen. Die Reisetätigkeiten werden sich verändern, und es kann zu einer Renaissance des Nahurlaubs führen. Nach dem Boom der Nachkriegsjahre wäre das für Tirol eine neue Chance, intelligent in Stellung zu gehen – nicht mit dem alten Luis-Trenker-Schmäh, sondern dass man dem Gast moderne Programme anbietet, die ihm Natur, Bewusstsein und Lebensfreude näher bringen.

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