Grenzenlose Wellness

Tirol hat im Vergleich zu anderen Regionen eine der größten Dichten an Wellness-Hotels – aber auch an Unternehmen, die den Spa-Bereich mit innovativen Anlagen ausstatten. Ob Infrarotwärmekabinen, „Teleskop“-Saunen oder Eiskabinen – Wellness-Einrichtungen aus Tirol sind weltweit gefragt.

Als Josef Gunsch im Jahr 1998 das erste Mal bei Physiotherm Hand anlegte, war die Geschichte der Infrarotwärmekabinen noch eine sehr kurze, das Tiroler Unternehmen noch ein sehr junges und Gunsch noch im Lager tätig. Heute ist Gunsch Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer von Physiotherm, das Unternehmen hat über 200 Mitarbeiter und Physiotherm-Kabinen stehen in den Wellness-Anlagen von 7.000 Hotels und in rund 70.000 privaten Haushalten. „Die Kernmärkte dabei sind Österreich, Deutschland, die Schweiz und Südtirol“, sagt Gunsch.

Der Kunststofftechniker Peter Schiestl startete 1980 mit seinem Unternehmen KWS, vorerst mit dem Fokus aufs Baugewerbe, aber auch schon mit einem Fuß im Wellness-Bereich, da man für Partnerfirmen Kunststoffteile für Duschen oder Dampfbäder produzierte. Allerdings sei man, blickt Schiestl zurück, von deren Auftragslage abhängig gewesen. „Daher haben wir uns entschlossen, selbst Wellness-Anlagen zu bauen“, erinnert sich der Tiroler Unternehmer. Zu sehen sind diese heute in ganz Europa, aber auch in einem Show-Room in Moskau, wo man, so Schiestl, Top-Kunden beliefert.

Noch länger im Geschäft ist die Familie Kober aus dem Tiroler Brixental. „Klafs Österreich ist zwar ein Tochterunternehmen von Klafs mit Sitz im deutschen Schwäbisch Hall, aber trotzdem ein Tiroler Familienunternehmen“, schmunzelt Monika Kober, Geschäftsführerin von Klafs Österreich. 1952 hatte Erich Klafs in Stuttgart seine erste Sauna ausgeliefert, 14 Jahre später war man schon so erfolgreich, dass man einen Blick über die Grenze warf und in Wien eine Tochterfirma gründete. In etwa zeitgleich suchte Monika Kobers Vater Walter in Hopfgarten nach neuen Produkten für seinen Holzhandel, per Zufall lieferte er einem Münchner Klafs-Verkäufer ein Blockhaus, lernte über diesen die Sauna kennen – und auch schätzen. Walter Kober startete mit dem Verkauf von Klafs-Saunen von Bregenz bis Linz. Es wurde immer mehr, erzählt Monika Kober, so dass nach und nach die nötige

Unternehmensstruktur mit Lager, Montage, Verwaltung und schlussendlich die österreichische Firmenzentrale in Hopfgarten aufgebaut wurde. Heute sind es 65 Mitarbeiter, die für den Vertrieb, die Planung, den Einbau und das Service für den weltweiten Marktführer im Bereich Wellness, Spa und Sauna verantwortlich zeichnen.

Dass Tiroler Wellness-Anlagen und Wellness-Einrichtungen weltweit gefragt sind, erklärt sich Peter Schiestl durch die touristische „Vorbildwirkung“: „Der Gast kommt zu uns, sieht eine Wellness-Anlage, sie gefällt ihm und er will wissen, wer sie gemacht hat und woher sie kommt.“ Und die Vorbildwirkung ist eine breite, attestiert doch der Tiroler Wellness-Experte Andreas Wieser Tirol „im Vergleich zu anderen Regionen eine der größten Dichten an Wellness-Hotels“. Viele dieser Hotels hätten, so Monika Kober, mit einem traditionellen Beherbergungsangebot angefangen, „dann wurde daraus ein Sporthotel mit Hallenbad, später wurde die Sauna salonfähig, dann kam das Dampfbad dazu, dann weitere Wellness-Ideen.“ Klafs war einer der Vorreiter, als man in Tirol merkte, dass der Tourismus auf diese Trends aufsprang, kamen weitere Unternehmen dazu. Einer war Heinz Schletterer. Mitte der 1980er Jahre begann sich der Zillertaler mit den Gesundheitsweisheiten und Badekulturen aus aller Welt zu beschäftigen und moderne Wellnessanlagen zu bauen. Rund 20 Jahre später standen Wellness-Resorts, Sanatorien und Themen-Spas von Schletterer nicht nur im Alpenraum, sondern auch in Russland und Dubai – selbst auf dem Luxusdampfer Queen Mary II saunierte man made in Tyrol.

Made in Tyrol sind auch die Anlagen von KWS, produziert wird am Standort in Jenbach, montiert wird – außer bei weit entfernten Aufträgen – vom eigenen Team, gefertigt wird nach Wunsch des Kunden. „Große Firmen können Standardkabinen in einer Geschwindigkeit herstellen, dass man nur so staunt – unsere Stärke sind daher Sonderanfertigungen“, sagt Peter Schiestl. Jeder Architekt habe bekanntlich seine eigene Idee, für die individuelle Lösung brauche es Unternehmen wie KWS. „Solche Herausforderungen haben wir gern“, hält der Chef von 35 Mitarbeitern fest, „Kreativität im Design und bei Lösungen sind das Erfolgsrezept.“ Wie beim Pagonium, der Eisschollenkabine von KWS. Statt kalter Dusche oder Tauchbecken kühlt nach dem Saunabesuch die kalte und trockene Raumluft den Körper langsam und schonend auf Normaltemperatur ab.

„Und das nicht nur von außen über die Haut, sondern auch von innen durch die Atemluft“, erläutert der Wellness-Spezialist. Durch natürliche Eisflächen an den Wänden kann die Kälte auch im wahrsten Sinne des Wortes erspürt werden, die Sitzflächen der Kabinen hingegen sind beheizt, die Wärme ermöglicht einen längeren Aufenthalt.

Gesunden und entspannenden Aufenthalt in der Sauna und mit der Sauna „verwandten“ Badeformen nicht nur in großen Spa-Anlagen und im Keller daheim zu ermöglichen, ist deklariertes Ziel von Klafs. „Wir wollen das Thema Sauna in jedem Haushalt ermöglichen“, verdeutlicht dies Monika Kober, räumt aber ein: „Natürlich besteht da in einer Wohnung ein gewisses räumliches Problem.“ Drei Jahre Entwicklungsarbeit steckte der Saunaspezialist in die Lösung dieser Situation und bringt seit 2015 die Sauna nun ins Wohnzimmer, wo man diese sprichwörtlich an die Wand fährt. Gerade mal 60 Zentimeter tief ist die S1 und nimmt so viel Platz ein wie ein gewöhnlicher Kleiderschrank. Auf Knopfdruck aber entfaltet sie sich in nur 20 Sekunden – ähnlich einem Kamera-Zoom – zu einer knapp drei Mal so tiefen Sauna, die für die gesamte Familie Platz bietet. Möglich macht dies unter anderem die neu entwickelte Frame Stability Construction – ein extrem stabiler Holz-Sandwich-Wandaufbau. Seit Kurzem kann die Privatsauna auch noch in einen Salzinhalationsraum verwandelt werden. „Ein kleines mobiles Gerät – der SALT ProX ­– produziert einen Trockensalznebel, der bei Allergien wie etwa Heuschnupfen hilft, aber auch, die Atemwege zu reinigen“, beschreibt Kober die jüngste Klafs-Innovation, die das Wellness-Erlebnis noch mehr steigern soll.

Auch Physiotherm will Wellness-Erlebnisse von Gästen in die privaten Räume bringen. „Viele unserer Kunden lernen Infrarotwärmekabinen während des Urlaubs im Hotel kennen“, bestätigt Josef Gunsch. Der Kunde war bei dem Tiroler Wärme-Experten von Anfang an eingebunden, speziell in der Frage des Zusammenwirkens von Strahlungswärme und Raumtemperatur. „Unser Prinzip beruht darauf, bei einer Raumtemperatur von 35 bis 38 Grad Celsius mit direkt auf die Rückenmuskulatur gerichteter Strahlungswärme den Körper zu erwärmen“, schildert Gunsch die Physiotherm-Methode: „Eine eigens durchgeführte medizinische Studie belegt die positiven Effekte dieses Prinzips.“ Herzstück der Physiotherm-Infrarotwärmekabinen sind ihre Keramikstrahler, gefüllt mit Lavasand. „Bei Tirol würde man wohl eher an Granit, Schiefer oder Quarzsand denken“, lacht Gunsch,

„wir haben auch viel untersucht, um die Wärme des Strahlers am besten zu verteilen und zu speichern. Lavasand hat sich als bestes Mittel herausgestellt. Und auch vom Ausdruck her ist Lavasand ein starkes Zeichen – Wärme ist ja unser Leben.“

Physiotherm möchte die gesunde Wärme aber auch abseits des Wellness-Bereichs an den Kunden bringen, die hausinterne F&E-Abteilung arbeitet laufend an der Neu- und Weiterentwicklung von Bürosesseln, mehrfach ausgezeichneten Infrarotduschen und Infraroteinheiten. Auch auf Infrarot, allerdings in Kombination mit massivem Holz, vertraut die Bau- und Möbeltischlerei Luttinger in Biberwier. Das fast hundert Jahre alte Unternehmen am Fuße des Fernpasses hat sich einen neuen Schwerpunkt gesetzt – individuelle und therapeutisch wirksame Infrarot-Kabinen und Infrarot-Wellnessmöbel aus Zirbe. Die Kraft der Zirbe und die positive Wirkung auf den Menschen sind in Tirol seit jeher bekannt, der wohltuende Geruch ihres Holzes erfüllt seit Jahrhunderten Schlafzimmer und Küchen der Bauernhäuser. Luttinger kombiniert nun dieses traditionelle Wissen für Zirbenbetten, Swinging Chairs und Wellnessliegen mit integrierter Infrarot-Tiefenwärme und ergonomisch geformten Rückenlehnen.

Weniger mit Tradition, dafür mit Eiseskälte punktet ein anderes Unternehmen aus dem Außerfern. Von Stanzach im Lechtal aus vertreibt Wolfgang Lausecker Cryosaunen, Einpersonenkabinen, in denen man – mit Hilfe von Stickstoff als Kaltgas – einer trockenen Kälte von minus 135 bis 145 Grad Celsius ausgesetzt wird. Und zwar, „maximal drei Minuten lang“, sagt Lausecker. Die „gefühlte Temperatur“, so Lausecker, sei aber nicht so niedrig, nach einer halben Minute im Flusswasser des Lechs friere man mehr. Verlässt man die Cryosauna, spürt man ein leichtes Kribbeln und fühlt sich, lacht der CoolTech-Chef, „einfach saugut“. Insofern eine perfekte Ergänzung einer Wellnessanlage, Lauseckers Hauptkunden kommen aber (noch) aus dem medizinischen Bereich, da die Cryosauna unter anderem in der Therapie von Schmerzen im Bewegungsapparat eingesetzt wird. Dass das Thema Eis und seine Eiskabinen mit Lufttemperaturen um den Gefrierpunkt überzeugen können, hat auch Peter Schiestl vor kurzem festgestellt: „Wir hatten vor Kurzem einen Besuch aus Katar im Haus. Von den Eiskabinen waren sie ganz begeistert.“

Mehr aus dem Dossier

Die Kraft der Natur

Tiroler Forscher untersuchen das Wirkstoffpotenzial von Pflanzen, um ihnen noch mehr heilende Kraft zu entlocken.

Mehr erfahren

Der Vordenker

Andreas Wieser machte aus einem Bushotel ein „best medical resort“ und exportierte das Lanserhof-Konzept nach Hamburg und an den Tegernsee.

Mehr erfahren

Mit allen Sinnen

Findige Tiroler setzen auf alle fünf Sinne, um perfektes Wohlgefühl und Wellness-Feeling zu verbreiten.

Mehr erfahren