Global vernetzt

Tirols Unternehmen sind international aufgestellt: Global Player haben ihren Stammsitz im Land und produzieren hier für die ganze Welt. Aber auch ausländische Unternehmen, die in Europa und darüber hinaus agieren, setzen mit ihren Tochter-Firmen auf Tiroler Kompetenzen.

„Wenn ich möchte“, lacht Martin Mühlbacher, „könnte ich auf meinem Smartphone nachschauen, wie der Motor läuft.“ Martin Mühlbacher spricht aber nicht vom Motor seines Autos am Werksgelände, sondern von weltweit verteilten dicken Brummern – Gasmotoren mit einem Gewicht im zweistelligen Tonnenbereich. Rund 15.000 solcher Motoren sind in mehr als 170 Ländern im Einsatz, mit mehr als einem Viertel davon ist man via Industrial Internet von Tirol aus vernetzt. „Es ist vergleichbar mit den Telemetriedaten der Formel 1“, erklärt Mühlbacher, „der Motor ist beim Kunden in Betrieb, in Jenbach kann man abfragen, ob der Motor ein Problem hat oder nicht.“ Motoren, speziell Gasmotoren sind schon seit mehr als 50 Jahren das Know-how der Mitarbeiter am Standort in Jenbach. Im Jahr 2003 wurde der Standort Teil des amerikanischen Weltkonzerns GE, seither, legt Standortleiter Mühlbacher dar, ist Tirol mit seinen heute mehr als 1500 Mitarbeitern „der Hauptsitz für die Industrie-Verbrennungsmotorenproduktion von GE sowie die weltweite Zentrale für die Entwicklung von Blockheizkraftwerken“.

Von Jenbach knapp 20 Kilometer innabwärts liegt Kundl, eine 4000-Seelen-Gemeinde, die sich ihren ländlichen Charakter erhalten hat, obwohl sie eine bedeutende Rolle in der Welt der Pharma-Riesen spielt. 1946 begann die soeben gegründete Biochemie Kundl im Gebäude der stillgelegten Brauerei mit der Produktion von Penicillin, zwei junge Chemiker, Ernst Brandl und Hans Margreiter, testeten verschiedene Substanzen, um den Penicillin-bildenden Pilz vor Verunreinigungen zu schützen. Per Zufall stießen sie 1952 auf Phenoxyethanol, das die Produktion eines biologisch aktiveren, vor allem aber säureresistenten Penicillins ermöglichte. Da es somit von der Magensäure nicht zerstört wurde, konnte das Kundler Penicillin in Tablettenform produziert werden – eine Weltpremiere, die der Biochemie einen raschen Aufstieg ermöglichte. 1964 wurde sie  Teil des Schweizer Pharmakonzerns Sandoz, der 1996 mit dem Branchenkollegen Ciba

zu Novartis verschmolz. Seit 2003 vereint Novartis alle seine Generika-Unternehmen unter dem Namen Sandoz, weltweit beschäftigt Sandoz mehr als 26.500 Mitarbeiter, rund 4000 davon in Kundl und Schaftenau. „Der Standort“, sagt Ard van der Meij, Geschäftsführer von Sandoz Österreich, „zählt zu den größten Herstellern von Antibiotika weltweit und ist der letzte verbliebene, voll integrierte Hersteller von Penicillin in der westlichen Welt.“

In Langkampfen, ein kleiner Ort zwischen Kundl und Kufstein, liegen nur wenige hundert Meter entfernt vom Sandozwerk Schaftenau die Produktionshallen von VIKING. Als der Gartengeräte-Hersteller 1981 unter diesem Namen seine Tätigkeit aufnahm, dachte man schon „an die Verbindung zu Robustheit, Kraft und Leistungsstärke“, meint VIKING-Geschäftsführer Peter Pretzsch, dass man heute Geschwindigkeitsweltrekordler ist, wohl kaum. Mit 215 km/h jagte Pekka Lundefaret im November 2015 einen umgebauten VIKING-Rasentraktor über die Landepiste des norwegischen Flughafens Torp-Sandefjord. Normalerweise sind die Mäher von VIKING allerdings gemächlicher unterwegs, dafür wird viel Wert auf Entwicklungsarbeit, Komfort, Design und Service gelegt. „Innerhalb von zwei Tagen, in vielen Ländern aber auch innerhalb von 24 Stunden ist ein VIKING-Gerät bei einem unserer Premiumpartner – das ist der servicegebende Fachhandel – lieferbar“, beschreibt Pretzsch die Firmenphilosophie, die sozusagen branchenbedingt ist: „Der Anlass, einen Rasenmäher zu kaufen, ist meist der, dass der alte den Geist aufgegeben hat. Der neue wird also dringend gebraucht.“ Dass das prompte Lieferservice für rund 70, vor allem europäische Märkte gilt, verdanke das 375-Mannunternehmen, so Pretzsch, auch dem Mutterkonzern – seit 1992 ist VIKING Teil der deutschen Unternehmensgruppe STIHL. „Das hat eine Dimension und Schlagkraft, die wir allein nicht aufbauen hätten können“, räumt Pretzsch ein.

Mit einem Stand von 4000, 1500 und 375 – so van der Meij, Mühlbacher und Pretzsch einhellig – motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern sind Sandoz, GE in Jenbach und VIKING von der Größe her untypische Unternehmen für Tirol, ist doch die Wirtschaft im Land überwiegend kleinstrukturiert. Fast die Hälfte der Unternehmen sind EPUs, die rund 20.000 KMUs können auf rund 172.000 Mitarbeiter verweisen, lediglich 105 Großbetriebe beschäftigen insgesamt über 63.000 Mitarbeiter. Doch Tirols Unternehmerschaft ist international aufgestellt, Global Player wie die Plansee-Gruppe,

Swarovski, MED-EL, Tyrolit, Riedel oder Swarco haben ihren Stammsitz in Tirol, andere in ganz Europa und darüber hinaus agierende Unternehmen setzen auf Tiroler Tochter-Firmen. Speziell aus dem nahen Südtirol dockten nach Österreichs EU-Beitritt zahlreiche Unternehmen in Nord- und Osttirol an.

1999 etwa wurde Durst Digital Technology im Osttiroler Lienz gegründet, das Stammhaus der Durst Phototechnik mit weltweit mehr als 500 Mitarbeitern befindet sich in Südtirol. Den Grenzübertritt, erinnert sich der ehemalige Geschäftsführer Richard Piock, fasste man ins Auge, da Österreich gegenüber Italien die bessere Forschungsförderung sowie einen besseren Zugang zu Universitäten, Forschungseinrichtungen und Netzwerken im deutschsprachigem Raum bot. Ebenfalls seit 1999 produziert der Süßwarenhersteller Loacker in Osttirol Waffeln, im Juni 2016 wurde – nach einer Investition von 70 Millionen Euro – die neue Produktionshalle eröffnet. Das Südtiroler Unternehmensgruppe Leitner setzt auf Telfs: Die Produktion von Liftsesseln und Direktantrieben für Leitner-Seilbahnen, das globale Ersatzteil-Logistikzentrum der Leitner-Tochter Prinoth-Pistenraupen sowie die Schneekanonen-Produktion der Tochter-Firma Demaclenko wurden nach Nordtirol verlagert. Ebenfalls von Nordtirol aus betreut der Bozner Kunstschneespezialist TechnoAlpin mit Ersatzteilmanagement und Defektanalyse seine Beschneiungsanlagen in 48 Ländern.

Hingegen schon „alte Bekannte“ in Tirol sind Multivac und Liebherr. Der deutsche Experte für Verpackungslösungen eröffnete 1974 eine achtköpfige „Zweigstelle“ in Lechaschau, heute kümmern sich 400 Mitarbeiter im Außerferm um die Fertigung von Maschinenbauteilen für den Mutterkonzern. Zwei Jahre nach Multivac dockte der internationale Baumaschinenhersteller Liebherr in Tirol an, startete 1976 mit einem Raupenwerk in Telfs, 1980 mit einem Kühlgerätewerk in Lienz, das heute durch ständiges Wachstum mit 1300 Beschäftigten der größte Arbeitgeber der Region ist.

Kontinuierliches Wachstums verzeichnete auch GE in Jenbach in den letzten Jahren, wie Martin Mühlbacher, Standortleiter GE in Jenbach betont: "In den letzten 13 Jahren haben wir im dreistelligen Millionenbereich in Fertigungstechnologie investiert.“ Geld, mit dem die Produktion unter anderem Industrie-4.0-fit gemacht wurde, so Mühlbacher, der seit über 20 Jahren in Jenbach tätig ist: „Industrie 4.0 bedeutet bei uns die Vernetzung  von Fertigung, IT, Mensch, Produkten

und Kunden – und das vom Verkauf weg.“ Montiert werden die schwergewichtigen Motoren inzwischen sogar an einer kombinierten Montagelinie, zum Jahreswechsel 2013/14 wurde die Halle nach eigenem Konzept von Standmontage auf Fließfertigung umgestellt: „Wir sind die Leitfabrik für Großmotorenbau aufgrund neuester Fertigungstechnologien und Anwendung von Industrie 4.0 und legen einen starken Fokus auf eine weitere Transformation zu einem digitalen Industriestandort.“

Ebenfalls kräftig investiert in den letzten Jahren hat Sandoz, in Schaftenau entstand um 150 Millionen Euro mit BioInject eine hochmoderne Produktionsanlage, in der Fertigspritzen und Autoinjektoren sowohl für die Biosimilars von Sandoz als auch für die innovativen Biologika von Novartis Pharma hergestellt werden. „Vor 21 Jahren begann man sich in Kundl mit Biosimilars, den Nachfolgeprodukten von innovativen Biologika, zu beschäftigen und hat sich in dieser Zeit viel Know-how und die Pionierrolle in diesem Bereich erarbeitet. 2006 haben wir das weltweit erste Biosimilar in der EU auf den Markt gebracht, 2009 das erste in Japan und 2015 das erste in den USA“, hält Ard van der Meij fest. Nach Sandoz-Stationen in den Großstädten Budapest, Wien und Warschau leitet van der Meij Sandoz Österreich nun von Tirol aus, dessen Berge, so van der Meij schmunzelnd, Niederländer wie er normalerweise nur vom Urlaub her kennen: „Ich sehe die Berge jetzt immer am Weg zur Arbeit – wer kann schon von sich sagen, mit einem Urlaubsgefühl in die Arbeit zu fahren.“ Eine Arbeit, die viel mit komplizierten Protein-Molekülen, den Biologika, zu tun hat.

Biologika haben die moderne Medizin revolutioniert, da sie die Behandlung von schweren Erkrankungen wie Krebs und Autoimmun-Erkrankungen ermöglichen. Van der Meij: „Bis 2020 werden sieben der weltweiten Top-Ten-Arzneimittel Biologika sein.“ Bis zum Jahr 2018 werden Biologika mit einem geschätzten weltweiten Umsatzvolumen von 100 Milliarden US-Dollar patentfrei, was Nachfolgeprodukte – Biosimilars – ermöglicht. "Die Produktion von innovativen Biologika und Biosimilars ist hochkomplex, Novartis hätte auch andere Möglichkeiten, schätzt aber seit Jahrzehnten die Kompetenzzentren für Biotechnologie in  Kundl und Schaftenau“, unterstreicht van der Meij die Tiroler Rolle innerhalb des Konzerns. Und: Obwohl Sandoz eigentlich die Generika-Sparte innerhalb von Novartis

abdeckt, werden auch, stellt van der Meij fest, „Originator-Produkte, also innovative Biologika“ in Schaftenau entwickelt und produziert.

„Fremdproduziert“ wird auch schon seit mehreren Jahren bei VIKING, ist doch die Fertigung der Akku-Geräte des deutschen Mutterkonzern STIHL fixe Aufgabe der Langkampfner. „Der Vorteil der Lithium-Ionen-Akkus ist“, erläutert Peter Pretzsch, „dass sie in jedes Akku-Gerät von VIKING und STIHL, egal ob Rasenmäher oder Motorsäge, passen.“ Die Produktion für STIHL, aber auch ein, „junges modernes Programm für den Premiumsektor“, sei Teil der Umsatzsteigerungen der letzten Jahre, ebenso die hauseigene F&E-Abteilung. „Auch wenn es bei einem Rasenmäher vermessen klingen mag, ist es angewandte Entwicklung von der technischen Berechnung über Laborarbeit und Prüfstand, um in Sachen Ergonomie, Gewicht und Verbrauch optimale Lösungen zu finden“, sagt Pretzsch, der 2011 seine Position als Leiter des Produktionsbereichs „Technologie und Gebäude“ bei STIHL Richtung Langkampfen verlassen hat. Rund 98 Prozent der in Langkampfen produzierten Gartengeräte verlassen das Werk Richtung Ausland, vor allem die Märkte in Deutschland, Frankreich, den Benelux-Länder, in Großbritannien und Polen helfen, nicht von lokalen Konjunkturschwankungen oder regionalen Wetterkapriolen abhängig zu sein.

Der Export sichert auch das Hauptgeschäft von GE in Jenbach, so wurde etwa im August 2015 einer der bislang größten Aufträge für Großmotoren mit über zehn Megawatt der Gasmotorensparte von GE in Jenbach unterzeichnet. Bis 2018 soll an der deutschen Küste in Kiel ein neues Gasheizkraftwerk entstehen, Kernstück der Anlage sind 20 Stück der leistungsstärksten Jenbacher Gasmotoren von GE. Diese erbringen eine Gesamtleistung von 190 Megawatt elektrischer und 192 Megawatt thermischer Energie, die in das Strom- bzw. Fernwärmenetz eingespeist wird und zur Netzstabilität beiträgt. Aber auch zur Verringerung des CO2-Ausstoßes: Im Vergleich zum bisherigen Kohlekraftwerk verringert sich dieser von 1,8 Millionen Tonnen auf circa 540.000 Tonnen jährlich.

Mehr aus dem Dossier

Die Optimierer

Für die Hochleistungsrechner von morgen koordiniert Thomas Fahringer zwei internationale besetzte EU-Projekte.

Mehr erfahren

Waren für die Welt

Empl, IONICON und planlicht und sind drei von vielen Tiroler Unternehmen, deren Waren in die ganze Welt gelangen.

Mehr erfahren

Leichte Innovationen

Das Tiroler KMU Alpex ist in internationalen F&E-Projekten gefragter Partner der weltweiten Flugzeug- und Autobranche.

Mehr erfahren