Ski-Innovationen

Der Skifellproduzent Koch alpin hat mit Innsbruck den „weltweiten Hotspot des Skitourensports“ vor der Haustür, der US-Kletter-, Berg- und Skisport-Experte Black Diamond verlegt seinen „Europa-Hotspot“ nach Tirol, weil ihn das Umfeld der hier ansässigen Berg-, Ski- und Action-Sport-Unternehmen reizt. Eine Sparte, die auch auf innovativen Nachwuchs verweisen kann: Powunity bringen das digitale Zeitalter auf die Pisten, XQZT besinnen sich der Wurzeln der Skiproduktion.

Anfang der 80er Jahre traf der Tiroler Hermann Kapferer in den USA auf Jake Burton. Der Spediteur war begeistert von Burtons Snowboards, nahm die Novität mit nach Innsbruck und begann, sich um den Import des für den Alpenraum noch ungewohnten Wintersportgeräts zu kümmern – der Rest ist europäische Burton-Geschichte, hat doch der US-Snowboardkonzern seither sein Alte-Welt-Headquarter in Tirol.

Knapp 30 Jahre später ist Burton nicht mehr der einzige sportliche Amerikaner in Innsbruck, nach dem Freeski-Spezialisten Armada im Jahr 2012 rund um General Manager Europe Tom Süsskoch verlegte Anfang 2016 auch Kletter-, Berg- und Skisport-Experte Black Diamond sein europäisches Hauptquartier von der Schweiz in die Tiroler Landeshauptstadt. „Innsbruck ist eine international bekannte Bergsportdestination und gleichzeitig lebendige Universitätsstadt, die unseren Mitarbeitern erstklassige Klettergebiete und Zugang zum Backcountry bietet. Außerdem bietet Innsbruck ein attraktives Umfeld von verschiedenen Berg- und Action-Sport-Marken, deren Büros in der Region angesiedelt sind“, begründet Tim Bantle, Managing Director von Black Diamond Europe, den Grenzübertritt von der Schweiz nach Österreich.

Der Wintersport hat in Österreich, besonders in Tirol, seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts maßgebliche Veränderungen erfahren und zu ebensolchen geführt. In St. Christoph am Arlberg wurde 1901 der erste Skiclub gegründet, in St. Anton 1920 die erste Skischule Österreichs. In Tirol wirkende „Stilikonen“ wie Hannes Schneider, Anton Seelos oder Stefan Kruckenhauser prägten über Jahrzehnte die Fahrweise auf den Pisten. Verirrten sich um 1900 noch vereinzelte Skitouristen nach Kitzbühel, brachte es die Gamsstadt-Region im Winter 2014/15 auf 114.685 Ankünfte. 33.000 Beschäftigte zählt gegenwärtig der Tiroler Tourismus, hinzu kommen noch jene Betriebe, deren Hauptgeschäft der Wintersport ist - oder sein wird. Wie das Start-up Powunity: Seit Dezember 2015 sind Stefan Sinnegger,

Christian Strassl und Grega Gostinča mit ihren Never Lose-Geräten am Markt. Gerade mal 35 Gramm wiegt das Teil,  am Ski verschraubt wird es via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden: Geht der Ski verkoren, schlägt NeverLose Alarm, das lange, oft vergebliche Graben im Schnee hat ein Ende. Sinnegger und Strassl kannten sich gerade mal einen Tag, als sie gemeinsam im Juni 2014 einen ganzen Tag Ski fahrend und filmend am Gletscher verbrachten. Genügend Zeit für Gespräche blieb auch, man unterhielt sich über Start-ups und das oftmalige Problem begeisterter Tiefschneefahrer: Wie finde ich nach einem Sturz meinen verschütteten Ski?

Aus dem Gespräch wurde eine Zusammenarbeit zwischen Innsbruck und zunächst Berlin, wo Sinnegger bei einem Start-up praktizierte, später mit dem schwedischen Lund, wo Sinnegger sein Entrepreneurship-Studium absolvierte. Bald kam man auf die Bluetooth-Idee: „Die ersten Teile haben wir im Internet bestellt“, erinnert sich Sinnegger, „die haben wir in wasserdichte Gehäuse verpackt, im Schnee eingegraben und getestet“, ergänzt Strassl. Das Prinzip funktionierte, vor allem als Sinnegger die Idee hatte, das Bluetooth-Signal auf eine „Soundstärke“ von 96 Dezibel aufzupeppen. Auch Fragen wie Wasserdichtheit, Batterieverbrauch und – tiefe – Temperatur konnten geklärt werden, auf der ISPO 2015 wurde der Prototyp vorgestellt. Christian Strassl: „Das Feedback war enorm.“

Das Trio wusste, dass es weitermachen wollte, wusste aber auch, dass es allein nicht weitermachen konnte. Mit der Innsbrucker Stasto KG fand sich ein Investor, mit dem Thermoplaste-Spezialisten Pließnig in Fulpmes und Exceet Electronics in Ebbs zwei Tiroler Unternehmen für die Produktion, eine Crowdfunding-Kampagne spielte rund 40.000 Dollar ins Budget, ein Marketingkonzept wurde aufgestellt. Im Sommer 2015 ging’s zum Testen nach Neuseeland, zehn Meter Distanz zum 20 bis 30 Zentimeter tief verschütteten Ski. „In 80 Prozent der Fälle findet man den Ski einfacher und schneller“, beschreibt Sinnegger den Vorteil von NeverLose, dem die Jungunternehmer noch eine zweite Funktion „injizierten“. Ein eingebauter Bewegungssensor löst einen Alarm aus, wenn der Ski z.B. vor der Skihütte bewegt wird. „Es passiert nichts, wenn die Ski umfallen oder zur Seite gestellt werden“, beruhigt Strassl. Los geht der laute Diebstahlschutz erst, wenn der Ski zwei, drei Meter „wandert“. 

Eine Investition von 99 Euro, die sich rechnet, nicht nur bei den edlen Brettern von XQZT. So wie Strassl und Sinnegger sind auch Maria Wibmer und Daniel Neururer begeisterte Skifahrer. Derart begeistert, dass ihnen die handelsüblichen Ski zu wenig waren und sie sich ihre eigenen bauen wollten. Informationen  über das Wie holten sie sich im Internet, in Tirol selbst sei das handwerkliche Know-how der Skiherstellung zuletzt verloren gewesen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es dort zunächst vor allem Tischler und Wagner, die – meist aus

Eschenholz – Ski herstellten, in Kufstein etwa die Landwagnerei Kneissl. 1919 produzierte Franz Kneissl senior die ersten Ski, von den 1950er bis in die 1990er ließ das Unternehmen so manchen Kneissl-Stern erglühen, riss aber auch so manchen wirtschaftlichen Stern. „In Österreich sind die Skifirmen – vielleicht auch durch den Tourismus – sehr schnell groß geworden, in Amerika hingegen gibt es viele kleine Skimanufakturen“, sagt Neururer. Auch von dort holten sich die zwei Know-how, begannen in Ötztal-Bahnhof in einer alten Werkstatt Ski zu bauen. „Der erste Ski war nicht gut, aber schon fahrbar“, lacht Wibmer, „zwei, drei Jahre hat es dann gedauert, bis wir zufrieden waren“, sagt Neururer, im Herbst 2014 wurden die ersten Ski verkauft.

Regionalität sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen, das Holz beziehen sie vom Tischler nebenan, wobei: „Wir haben alles probiert, Ahorn, Esche, Gemische. Gelandet sind wir aber doch bei Bambus.“ Wasserabweisend, leicht, elastisch und doch robust, optimal für die XQZT-Ski. Nicht besonders regional, gibt Wibmer zu, doch Bambus wächst schnell nach. Dem Zufall wird nichts überlassen, die optimale Holzzusammensetzung wird in der Technischen Versuchs- und Forschungsanstalt der Uni Innsbruck getestet, Kanten und Skibeläge kommen von zwei absoluten Profis und Weltmarktführern: Metall Deutsch in Innsbruck und Isosport in Hall.

„Sie haben uns sehr geholfen, auch wenn die Mengen, die wir brauchen, für sie nur Peanuts sind.“ Peanuts, da Wibmer und Neururer Ski neben ihrem Berufsalltag als Architektin und Uniökonom bauen, ihr Unternehmen XQZT eine kleine Skimanufaktur bleiben soll, in dem sie spezielle Ski nach Auftrag und Maß bauen sowie designen. Obwohl sie in der Zwischenzeit auch Ski von der – kleinen – Stange anbieten. „Alles nach eigenen Wünschen überfordert manche Kunden“, meint Wibmer. So gibt es jetzt auch – im Sommer – vorgebaute Ski, dem ersten – St. Antoner –Sportgeschäft, das XQZT-Ski im Angebot hat, soll kommenden Winter ein zweites folgen.

Kein Neuling im Sportgeschäft ist Koch alpin. Das Tiroler Familienunternehmen zählt zu den führenden Herstellern von Steigfellen, der Produktionsstandort in Mils liegt rund zehn Kilometer von Innsbruck entfernt, dem, so Werner Koch, „weltweiten Hotspot des Skitourensports“. Als sein Vater 1978 das Unternehmen gründete, war Tourengehen eine Randsportart für Traditionalisten und Bergfexe, heute, so schätzt der Alpenverein, sind in Österreich gut 500.000 Skitourengeher unterwegs, rund um Innsbruck sind es an die 30.000, die regelmäßig Felle auf ihre Ski kleben. An der Grundlage der Steighilfe hat sich nicht viel getan. Das Fell, das einst eins des Seehunds war, ist heute eigentlich gar keins mehr, wird

dafür doch die Schur der südafrikanischen Angora-Ziege speziell verwebt. "Mohair ist Stand der Technik, es gab Versuche mit Chemiefasern, die haben sich aber nicht durchgesetzt“, berichtet Koch. Speziell verwoben wird das Naturhaar, es nimmt fast keine Feuchtigkeit auf und bleibt auch bei Kälte weich und geschmeidig. Viel getan hat sich an der Verbindung vom Fell zum Ski. Die breiteren Ski benötigen breitere Felle, das Auseinanderzeihen der zusammengelegten, sprich geklebten Felle wird für manchen zum sehr großen Kraftaufwand. Durch die Form der Carving-Ski können die Felle nicht mehr gerade geschnitten werden, dies wiederum macht das genaue Zusammenlegen schwieriger, was wiederum die Gefahr erhöht, dass am Fellrand der Kleber austrocknet. Als drittens kommt noch die Anforderung dazu, sowohl bei tiefen als auch bei winterlich hohen Temperaturen gut zu kleben. „Wir machten uns auf die Suche nach einer stabilen, aber doch leicht löslichen temperaturunabhängigen Verbindung zum Skibelag“, erinnert sich Koch. Neuland auch für den Kleberspezialisten, mit dem Koch alpin zusammenarbeitete.

Die Lösung war eine dünne Kleberschicht, in der sich die Klebeeigenschaften von der einen Seite zur anderen ändert – eine starke Verbindung von Kleber zum Fell-Rückstoff, eine leicht lösbare zum Belag. Werner Koch: „Bis zur Marktreife waren es fünf, sechs Jahre Labor- und Feldarbeit.“ Für den ultimativen letzten Test bediente man sich der skitourenbegeisterten Tiroler. Per Zeitung wurden freiwillige Tester gesucht, fast wissenschaftlich wurden die – mit Gratisfell ausgestatteten – Studienteilnehmer von der 30-jährigen Wettkamfgeherin über professionelle Bergführer bis zum 70-jährigen Pistengeher gesplittet, der innovative Kleber überzeugte und bildet die Grundlage für die koch’sche Eigenmarke contour, aber auch für die in Mils produzierten Felle von Atomic, Black Crows oder Ski Trab.

Werner Koch selbst klebt sich so oft wie möglich die Felle auf die Ski. Um seine Kinder am Skitourenerlebnis teilhaben zu wollen, wurde gemeinsam der „contour startUp“ entwickelt. Mit wenigen Handgriffen lässt sich dieser knapp 800 Gramm schwere Skitourenadapter auf die gewünschte Sohlenlänge einstellen und in die Alpinbindung einsetzen. Der Kinder-Alpinski wird zum Tourenski – und die Tourengehergemeinde je um ein kleines Mitglied größer.

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