Sportliche Simulationen

Langjährige Skifahrer sind weniger vergesslich, sagt Martin Burtscher, Sprecher des Forschungszentrums Alpinsport an der Universität Innsbruck. Außerdem, so der Arzt und Sportwissenschaftler, ist der österreichische Nationalsport weniger gefährlich als vielfach angenommen. Mit seinen Kollegen erforscht er die Risiken und gesundheitlichen Aspekte des Alpinsports, arbeitet aber auch in hochmodernen Labors daran, textile Sportprodukte weiter zu entwickeln sowie Ski und Rodel besser gleiten zu lassen. 

In der österreichischen Wintersporthymne heißt es übers  Skifahren: „A jeder is glücklich, a jeder fühlt sich wohl“. Aber istdes leiwaundste, wos ma sich nur vurstelln kann“ auch gesund?

Martin Burtscher: In einer Studie haben wir uns Langzeitskifahrer genauer angeschaut, ihre Lebenscharakteristika, ihre Verletzungsgeschichte, die Auswirkungen auf Risikofaktoren und das gesunde Altern. Interessant war, dass Personen, die schon 40 Jahre Ski fahren, nicht nur ein relativ geringes Verletzungsrisiko, sondern durchwegs auch eine gesündere Lebenscharakteristik aufweisen. Sie betreiben insgesamt mehr Sport, rauchen weniger, trinken weniger Alkohol – was manche angesichts der Après-Ski-Gesellschaft verwundern mag.

Und der gesundheitliche Zustand der langjährigen Skifahrer?

Martin Burtscher: Je mehr sie Ski fahren – das heißt sie betreiben mehr Sport und sind mehr an der frischen Bergluft –, desto mehr werden die Herz-Kreislauf-Risikofaktoren beeinflusst. Sie haben niedrigere Cholesterinwerte, weniger Bluthochdruck und auch die Prävalenz der Diabetesentwicklung ist eine geringere. Interessanterweise sind sie auch weniger vergesslich, ein Indikator, der zeigt, dass offensichtlich die kognitive Leistungsfähigkeit eine bessere ist bzw. altersbedingte degenerative Veränderungen im Bereich des Gehirns möglicherweise verzögert werden. Wobei das natürlich nur Hinweise sind, schlüssige Beweise haben wir keine.

Ist das ein Spezifikum von Alpinsportarten oder geht es nur darum, dass man sich bewegt?

Martin Burtscher: Sowohl als auch. Alpinsport ist durch mehrere Charakteristika ausgezeichnet. Das Gelände ist geneigt, man geht bergauf und bergab. Das Bergaufgehen belastet ganz anders; diese konzentrische Belastung ist für das Herz-Kreislauf-System sehr fordernd und bewirkt extreme Trainingsreize und zwar wesentlich höhere als beispielsweise Gehen im Flachland. Das dürfte vielleicht auch mit ein Grund sein, warum die Lebens-

erwartung im Westen Österreichs höher ist als im Osten – epidemiologische Beobachtungen deuten darauf hin.

Ist die Höhenluft ein zusätzlicher Faktor?

Martin Burtscher: Welche Bedeutung dem Höheneinfluss zukommt, weiß man nicht genau. Es gibt Studien, die zeigen, dass Höhenlagen bis zu 2000 oder 2500 Meter günstige Effekte haben – die Lebenserwartung steigt und besonders Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden mit zunehmender Höhe weniger. Die genauen Ursachen und deren Bedeutung – der Trainingseffekt durch das geneigte Gelände, gesündere Ernährung, positive soziale Interaktionen, psychische Effekte der Berglandschaft, UV-Strahlung, etc. – sind noch unklar. Jedenfalls dürfte die Höhe per se mit allen Begleitfaktoren eine Rolle spielen. Dazu gehören auch klimatische Reize wie Kälte, Wind und gelegentlich Hitze, an die man sich anpassen muss. 

Alpinsport verbindet man aber auch mit tödlichen Abstürzen bei Klettertouren und Wanderungen, lebensgefährlichen Verletzungen beim Skifahren, tausenden Unfälle beim Rodeln – ist der Alpinsport gefährlicher als „Flachlandsportarten“?

Martin Burtscher: Das hängt natürlich von der Sportart ab, es gibt schon bedeutende Unterschiede zwischen Skifahren, Fels- und Eisklettern oder Bergwandern. Und dann hängt es auch davon ab, wer diese Sportarten wie ausübt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, ob man das Risiko eines tödlichen Unfalls bzw. Notfalls oder das Verletzungsrisiko vergleicht. Aber ein paar Zahlen dazu: Beim Skifahren kommt ein Todesfall auf eine Million Skitage – man muss also schon sehr viel und lange Ski fahren, um statistisch gesehen dem Risiko eines Todesfalls ausgesetzt zu sein. Allerdings kann dieses Risiko verständlicherweise durch die individuelle Verhaltensweise dramatisch beeinflusst werden. Nimmt man das Verletzungsrisiko im alpinen Skilauf, so kommt eine Verletzung auf etwa 1000 Skitage. 

Der durchschnittliche Skifahrer verbringt zehn bis 15 Skitage auf der Piste.

Martin Burtscher: Ja, das heißt, bei zehn Tagen pro Jahr müsste ich 100 Jahre Ski fahren, um – wiederum statistisch betrachtet - eine Verletzung zu erleiden. Für den Einzelnen besteht im Prinzip also ein sehr geringes Risiko. Zieht man aber Kaderläufer heran, die 200 Tage und mehr pro Jahr auf Ski verbringen, ist zwar das Risiko nicht deutlich größer, man muss aber damit rechnen, dass zumindest alle fünf Jahre eine – schwere – Verletzung auftritt. 

Aktuell haben Sie sich in einer Studie das Verletzungsrisiko von Skitourengehern näher angeschaut…

Martin Burtscher: … und zwar für den Pistenbereich. Beobachtungen im Skitourenbereich machen wir schon seit vielen Jahren. Die Verletzungshäufigkeit

ist sogar etwas geringer als beim Pistenskifahren, man hat ja auch weniger Abfahrtszeit, das Todfallrisiko ist allerdings durch Lawinen und Abstürze größer. Bei den Pistengehern hat uns auch deren Motivation für diese Sportausübung interessiert. Gezeigt hat sich, dass Anfänger und wenig routinierte Tourengeher gerne die Piste nutzen, dass aber auch Personen, die den ganzen Tag am Arbeitsplatz verbringen, diese Gelegenheit am Abend nutzen. Die Hütte am Endpunkt bietet zusätzlich noch gesellige Möglichkeiten. Insgesamt, bei vernünftiger Durchführung, sicher ein wertvoller Beitrag zur Gesunderhaltung durch regelmäßige Bewegung.

Haben Sie bezüglich Verletzungen Vergleiche zu anderen Sportarten?

Martin Burtscher: Nimmt man die Anzahl der Verletzungen in Bezug auf die Anzahl der Sportausübung, hat – aus den Sportarten mit großer Beteiligung - Fußball das höchste Verletzungsrisiko, gefolgt von Snowboarden und Mountainbiken. Aber die Vergleiche hinken, da wir unterschiedliche Arten und Schweregrade von Verletzungen haben. Auch ist das Todfallrisiko unterschiedlich, welches beim Fußball etwa kaum gegeben ist – selten tritt dort ein plötzlicher Herz-Todesfall auf. Den gibt es übrigens im Bergsport viel häufiger. Rund 50 Prozent der Todesfälle beim Bergwandern und im Skisport sind plötzliche Herz-Todesfälle.

Herz-Todesfälle, die auch bei anderen ungewohnten Anstrengungen auftreten können.

Martin Burtscher: Ja, jedes Jahr kommt es etwa zu markanten Anstiegen von Herz-Todesfällen beim Schneeschaufeln, hervorgerufen durch eine ungewohnt starke Belastung. Im Bergsport sind vor allem Männer mit zunehmendem Alter, einem bereits vorangegangene Herzinfarkt und/oder mehreren Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hoher Cholesterinspiegel oder Zuckerkrankheit gefährdet. Regelmäßige Sportausübung hingegen stellt einen wesentlichen Schutzfaktor dar.

Seit etwa drei Jahren arbeiten Kollegen von Ihnen mit einer einzigartigen Messanlage, einem 30 Meter langen Tribometer. Was wird dort geforscht?

Martin Burtscher: Mit dem Tribometer werden Reibungsmessungen durchgeführt. Unsere Arbeitsgruppe versucht z.B. zu zeigen, bei welchen Schneebedingungen welche Wachsmethode günstig ist, bei welcher Temperatur und welcher Schneebeschaffenheit welche Wachsbedingungen zu optimaler Gleitfähigkeit und Fahrgeschwindigkeit führen.

Messergebnisse, die für den Spitzensport interessant sind. Reichen die Erkenntnisse schon in den Breitensport hinein?

Martin Burtscher: Obwohl wir sicherlich noch am Anfang unserer Arbeit stehen, konnten erste Ergebnisse in die Praxis umgesetzt werden. Wir müssen die Metho-

den, die wir anwenden können, erst richtig kennen lernen. Es handelt sich hier ja um eine europaweit, wenn nicht sogar weltweit einzigartige Anlage. Gleiten auf Schnee betrifft aber nicht nur den Spitzensport, sondern auch das normale alpine Skifahren, das Ski-Langlaufen und das Tourengehen – Stichwort Felle –  im Allgemeinen. Je optimaler hier die Voraussetzungen sind, desto freudvoller und sicherer ist die Sportausübung. Konkrete Anforderungen kommen natürlich aus der Wirtschaft, von Ski-, Wachs-, Fellfirmen etc. Ein Beispiel wäre die Untersuchung, wie lange z.B. ein Wachs unter welchen Bedingungen am Ski bleibt.

Die zukünftige Forschungsarbeit am Innsbrucker Sportinstitut setzt – nicht nur am Tribometer – auf Simulationen. Was soll simuliert werden?

Martin Burtscher: Im Skilauf könnten z.B. Verletzungsmechanismen durch Simulationen erforscht werden, um zu zeigen, welche Kräfte in bestimmten Gelenksstrukturen auftreten. Natürlich haben auch Simulationen ihre Grenzen. Eine weitere Möglichkeit bieten standardisierte Höhen- und Kälteexpositionen. Ein Beispiel ist die akute Bergkrankheit. Immer mehr Menschen zieht es z.B. mit Trekkingtouren in höhere Gebiete, es passiert dort auch gar nicht so wenig. Das Todfallrisiko in diesem Bereich ist etwa zehnmal so hoch wie beim Skifahren in den Alpen. Wir versuchen in unserer Höhenkammer, die physiologischen und pathophysiologischen Reaktionen unterschiedlicher Personen auf unterschiedliche Höhenexpositionen zu erfassen. Simuliert wird z.B. die Hypoxie, also der Sauerstoffmangel, auf 4000, 5000 oder 6000 Meter Seehöhe. Mit den Ergebnissen wollen wir zeigen, wie einzelne Personen auf die Höhe reagieren und wie man sich optimal akklimatisieren kann, um Symptome der akuten Bergkrankheit oder lebensbedrohende Höhenerkrankungen zu vermeiden.

Fließen Ergebnisse in Kooperationen mit Anbietern von z.B. Trekkingtouren?

Martin Burtscher: Direkt Kontakt mit einzelnen Unternehmen und Anbietern haben wir nicht, interessiert sind aber viele daran, besonders auch Trekking- und Expeditionsteilnehmerinnen und -teilnehmer. 

Ein Arbeitsbereich des Instituts beschäftigt sich – auch in Zusammenarbeit mit dem Technologiezentrum Ski- und Alpinsport sowie dem Kompetenzzentrum Textiles – mit Sporttextilien.   

Martin Burtscher: Verschiedene Firmen zeigten schon vor Jahren Interesse, die Entwicklung von Sportbekleidung und Sportausrüstung wissenschaftlich mitbetreuen zu lassen. Viele Firmen machten das schon im eigenen Haus, sahen aber durch unsere Kompetenzen und Laborausstattung noch mehr Möglichkeiten - das reicht von der Biomechanik über die Sportsphysiologie und Sportmedizin bis hin zum psychologischen Bereich, der   

gerade beim Wohlfühlen und Tragekomfort der Bekleidung eine Rolle spielt. Daraus entstand dieses Kompetenzzentrum, von deren Ergebnissen die Firmen und natürlich deren Kunden profitieren. Generell ist die Weiterentwicklung im Ausrüstungs- und Bekleidungsbereich eine enorme. Die Funktionalität der Sportbekleidung hat in den letzten Jahren einen Riesenschritt gemacht. Es gibt natürlich noch immer Schwachstellen und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende.

Wobei es im Outdoor-Bereich auch eine Rückbesinnung zu altem Material wie Schafwolle gibt.

Martin Burtscher: Ja, gerade in der Textilbranche. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit ist unser Aufgabe zu zeigen, wie die verschiedenen Materialien sich auf die Hautfeuchtigkeit, die Körpertemperatur, das Wohlbefinden allgemein und natürlich auf die Leistungsfähigkeit auswirken. Unsere Untersuchungen gehen aber über den Sport hinaus, etwa hin bis zur Feuerwehrbekleidung: Wir untersuchen, wie der durch diese Schutzbekleidung  entstehende Thermostress so weit reduziert werden kann, dass die Feuerwehrleute trotz unveränderter Schutzwirkung optimale Leistung bringen können, ohne Gefahr zu laufen, dass eine Überhitzung auftritt.

Sportwissenschaft wurde lange Zeit mit Spitzensport und Sportlehrerausbildung in Zusammenhang gebracht, nicht mit Textilforschung, Höhenkrankheit und Risikoforschung.

Martin Burtscher: Der Spitzensport und auch die Lehrerausbildung spielen immer noch eine große Rolle, der Breitensport- und Gesundheitsbereich hat aber stark Fuß gefasst. Das ist nicht nur in Innsbruck so, sondern auf der ganzen Welt. Für viele universitäre Gesundheits- und Sportinstitute gilt, dass sie, wenn sie sich nicht mit den gesundheitlichen Aspekten der körperlichen Aktivität beschäftigen, fast nicht überleben können. Diese Entwicklung boomt. Auch weil sich klar gezeigt hat, dass regelmäßige körperliche Aktivität vermutlich das wichtigste evidenzbasierte „Medikament“ darstellt, um gesundes Altern zu bewerkstelligen.

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