Technologieexport

Spektakuläre Seilbahnbauten aus den 1920er und 1930er Jahren sind heute noch Zeugen der alpinen Pionierleistungen im Sportanlagenbau. Zahlreiche Tiroler Unternehmen setzen diese Tradition fort und bestechen mit neuartigen Lösungen.


Als die „Voyager of the Seas“ 1999 erstmals in See stach, war sie das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Eine Besatzung von mehr als 1000 Mann kümmerte sich um über 3000 Passagiere, an Bord spielte es alle Stücke: ein Theater für 1300 Zuschauer, Minigolf-Anlage, Kletterwand und Basketballfeld, eine 120 Meter lange, neun Meter breite und vier Decks hohe „Shoppingstraße“. Für die Schiffstaufe angelte sich das US-Kreuzfahrtunternehmen Royal Caribbean Cruiselines Ltd einen ganz besonderen Gast – Katharina Witt. Doch die deutsche Eislaufdiva beließ es im finnischen Turku nicht dabei, die obligatorische Flasche französischen Champagner am Schiffsrumpf zerschellen zu lassen, sie verzauberte die geladenen Gäste mit der historisch ersten Eisrevue auf einem Kreuzfahrtschiff. Die eisige Grundlage für Witts Schlittschuhe kam aus Tirol.

Ob Moskau, Québec oder Wien, ob Eislaufbahn am Weihnachtsmarkt, Eishockey im Fußballstadion, City-Eisbahn auf 21.000 Quadratmeter oder eben „Holiday on Ice“ am Kreuzfahrtschiff – wenn’s ums richtige Eis geht, wird die Kompetenz von AST Eis- und Solartechnik nachgefragt. 1986 im Tiroler Telfs gegründet – und 1998 nach Reutte im Außerfern übersiedelt – hat sich das 40-Mann-Unternehmen seither in Sachen Absorber-Technologie für kalte Angelegenheiten zu Europas Markt- und Innovationsführer hochgearbeitet. „Mit ein Grund“, sagt AST-Geschäftsführer Peter Hirvell, „war sicherlich die Entwicklung der mobilen Eisbahn.“ Ein Konzept, das es ermöglichte, aus Modulen bestehende Eisbahnen in Reutte vorzufertigen und in die ganze Welt zu exportieren.

Auf Vorfertigung setzt man auch beim Technologie-zentrum Ski- und Alpinsport (TSA) in Innsbruck, Eis spielt dabei ebenso eine wichtige Rolle. Im Jahr 2006 trafen sich Tiroler Unternehmer erstmals mit Vertretern des TSA und des Tiroler Rodelverbands. Ziel des Meetings war die Schaffung von finanzierbaren Trainingsmöglichkeiten für Rodler, denn: Die wenigen weltcuptauglichen Bob- und Rodelbahnen sind während der Saison ständig ausgelastet, zudem ist der Neubau von Kunsteisrodelbahnen extrem kostspielig. Die Bob-

und Rodelbahn für Sotschi 2014 soll 175 Millionen

Euro gekostet haben, für jene in Pyeongchang – Olympia 2018 – sind rund 100 Millionen veranschlagt. Das Ergebnis des Meetings war der Plan, eine Rodelbahn auf Modulbasis zu entwickeln, zehn Jahre später und viel Erfahrung reicher ist es nun im Vorarlberger Bludenz so weit – die erste Kunstrodelbahn auf Modulbasis wird gebaut.

90 Skigebiete mit mehr als 3000 Pistenkilometern und über 1100 Liften und Bergbahnen, wettkampferprobte Bahnen für den Rodel-, Bob- und Skeletonsport, weltcuptaugliche Anlagen für Biathlon, Skisprung und Langlauf, Eishallen und Eislaufplätze – Tirol ist in Bezug auf die Infrastruktur ein Sportland, das auf zahlreiche Pionierleistungen verweisen kann. Der in Lana geborene Luis Zuegg etwa revolutionierte Anfang des 20. Jahrhunderts den Seilbahnbau, mit der deutschen Seilbahnfirma Bleichert & Co. baute er zwischen 1926 und 1937 die Bahnen auf Zugspitze, Nordkette, Patscherkofel, Galzig und Hahnenkamm, die spektakulären Tal- und Bergstationen gestalteten heimische Architekten wie Clemens Holzmeister, Alfons Walde und Franz Baumann. Und spektakulär sind auch die Wintersportanlagen, die von Tiroler Unternehmen heute entworfen werden.

21.550 Quadratmeter gefrorenes Wasser bietet der Eispark im Moskauer VDNK, im Gorkipark befindet sich eine einzigartige Eis-Erlebniswelt auf 18.000 Quadratmeter. Geliefert hat diese zwei größten, mobilen Eisbahnen der Welt der Reuttener Eis-Spezialist. Am 9. Jänner 2016 fanden sich mehr als 31.000 Fans im Stadion Dresden ein. Ausnahmsweise nicht zum Fußball, geboten wurde Eishockey, vereist hat AST. Auch wenn Red Bull zum Crashed Ice bittet, hat das Außerferner Unternehmen sein Eis im Spiel, für diese spektakuläre Rennserie wurde von AST das Skateway-System entwickelt.

„Das schnelle und effiziente Auf- und Abbauen der Eisbahnen ist unsere Stärke“, hält Peter Hirvell fest, wobei AST auch Dauerlösungen, wie z.B. eine eigens entwickelte Asphalt-Eisbahn, im Programm hat. Die Grundlage der mobilen AST-Eisbahnen sind Eismatten aus einem hochelastischen, synthetischen Kautschukmaterial – eigentlich kleinste Röhrchen, die durch Zwischenstege miteinander verbunden sind. Die ausgerollten Eismatten werden mit speziellen Steckverbindungen zu einem Kreislauf zusammengeschlossen, das System mit einem auf minus zehn Grad abgekühlten Gemisch aus Wasser und Glykol gefüllt. Nun wird Wasser auf die Eismatten gespritzt, das zu einer gleichmäßigen Eisfläche gefriert. Flächen, die in Größe und Form individuell gestaltet werden können. Für „klassische“ Flächen wie etwa ein Eislaufplatz am Weihnachtsmarkt können die Eis-Experten auf ihre bewährten Eisboxen zurückgreifen, in

denen die Sammelrohre schon fix integriert und die Eismatten fix angeschlossen sind. „Eine Box ist 2,5 Meter breit, die Matten 20, 30 oder 40 Meter lang. Mehrere Boxen nebeneinander ergeben dann die gewünschte Bahngröße“, beschreibt Hirvell das Modulsystem.Andere Module sollen in Zukunft Rodlern, Bob- und Skeletonfahrern zu Gute kommen. „Baubeginn für die erste Sprintkunsteisbahn ist im Frühjahr, 2017 im Sommer soll sie fertiggestellt sein. Die Kosten belaufen sich auf sieben Millionen Euro“, berichtet Michael Hasler, Projektmanager am TSA. „Zusammengesetzt“ wird der Eiskanal aus 1,6 Meter langen Beton-Modulen. Gerade Teile und zwei verschiedene Kurvenradien geben der Bahn die richtige Form, trotz einheitlicher Module ist eine individuelle Streckenführung möglich, da diese, so Hasler, durch das Gelände bedingt ist.

Lediglich vier Zentimeter dick ist die Wand, der Beton ist mit hauchdünnen Stahlfasern verstärkt, die dünne Wand ermöglicht auch eine effiziente, energieschonende und umweltfreundliche Vereisung. „Im Test konnten wir auch bei plus 20 Grad noch vereisen“, erzählt Hasler. Geplant ist eine Länge von rund 700 Metern. Weltcuptauglich ist sie damit nicht (Mindestlänge 1000 Meter), gedacht ist sie auch für Nachwuchsarbeit, Schul- und Gästerodeln. Aus Russland gibt es schon die nächste Anfrage, eine Machbarkeitsstudie ist am Laufen, durch die fertige Referenzbahn in Bludenz erhoffen sich die Projektpartner des „Sledge Tube Tyrol“ – neben dem TSA die Unternehmen Bernard Ingenieure, Schretter & Cie, Ing. Hans Lang und Cofely Kältetechnik – weitere Aufträge aus dem In- und Ausland.

Schon längst ins Ausland geschafft hat es Sunkid. 1996 gründeten führende Seilbahnunternehmen und Skischulbetriebe das Unternehmen und brachten das solarbetriebene Förderband auf die Skipiste. Konzipiert waren die „Zauberteppiche“ als Aufstiegshilfe im Skischulbereich für Kleinkinder, maximal zwölf Meter Länge waren geplant. Doch schnell erkannte man die Vorzüge der neuen Aufstiegshilfen, sie wurden leistungsstärker, komfortabler und bis zu 400 Meter lang. Über 60 Länder werden heute von Imst aus beliefert, das winterliche Förderband hat auch sommerliche Anwendungen gefunden und kommt als Zubringer, an Übungshängen oder in Funparks zum Einsatz.

Einen Park der anderen Art gestaltete das Planungsbüro Danzl + Partner. Bei einer Biathlon-Weltcup-Veranstaltung in Hochfilzen knüpfte man Kontakte nach Russland, die über den Planungsauftrag für eine russische Biathlonanlage zu einem weiteren olympischen Auftrag führten – die Planung des „Rosa Khutor Extreme Park“, wo

 2014 die Medaillen im Slopestyle, Ski- und Snowboardcross und in der Halfpipe vergeben wurden. Die Auswahl des Areals, die Trassierung und fertigen Planung oblag den Hochfilzenern, mit Julia Dujmovits und Benjamin Karl konnten zwei Österreicher die Tiroler Basisarbeit für Medaillengewinne nutzen.

Auch andere Tiroler Unternehmen brachten ihr Know-how nach Sotschi. Sunkid beförderte auf einem 87 Meter langen überdachten Moving Carpet Gäste eines Top-Hotels von diesem trockenen Fußes zur Gondel, Steinbacher Dämmstoffe aus Erpfendorf konservierte mehrere 100.000 Kubikmeter Schnee ein Jahr lang unter speziellen Folien, die Tiroler Rohre aus Hall verlegten 36 Kilometer Rohrsysteme für Beschneiungsanlagen, 300 Schneekanonen für Langlaufloipen und Sprungschanzen stammten von TechnoAlpin. Der 1990 in Bozen gegründete Beschneiungsprofi verfügt schon seit mehreren Jahren über eine Niederlassung in Nordtirol, derzeit wird der neue Firmensitz in Volders gebaut. Neben dem Ersatzteil-Management sollen sich dort rund 25 Mitarbeiter künftig um die Defektanalyse kümmern, die für das Qualitätsmanagement und die Forschungs- und Entwicklungsarbeit die Basis bildet.

Ebenso wie TechnoAlpin setzt die Südtiroler Unternehmensgruppe Leitner Technologies auf einen Standort in Nordtirol. 2008 ließ man sich in Telfs nieder, acht Jahre später beschäftigt man schon mehr als 200 Mitarbeiter, mit dem derzeitigen Ausbau kommen 40 bis 50 neue dazu. Das Traditionsunternehmen Leitner (Gründungsjahr 1888) ist einer der führenden Seilbahnspezialisten, zum Konzern zählen auch der Bescheiungsanlagenbauer Demaclenko sowie der Pistenfahrzeughersteller Prinoth, dessen weltweites Ersatzteillager inzwischen in Telfs stationiert ist. In der Marktgemeinde wird zudem die Produktion der Schneekanonen und -lanzen konzentriert, produziert werden dort auch alle Sessel für die weltweiten Seilbahnprojekte. Sessel, die durchaus auch der Luxusklasse angehören. Seit Dezember schmücken Leitner Premium Chairs die neue 8er-Sesselbahn Brunn in Kitzbühel, in die Echtledersitzgelegenheiten flossen Gestaltungselemente und Know-how aus der Automobilindustrie, kombiniert mit hochwertigen Materialien, ergonomischer Form und modernster Technik, Sitzheizung inklusive.

Vom Feinsten ist auch die „Harmony of  the Seas“, die als „das größte Kreuzfahrtschiff der Welt“ ihren Dienst antreten wird. Mit an Bord ist wiederum eine echte Eisbahn, die den speziellen Schiff-Anforderungen entspricht. Dass sie aus dem Hause AST stammt, versteht sich eigentlich von selbst.

Mehr aus dem Dossier

Ski-Innovationen

In Tirol fährt man nicht nur Ski, man kümmert sich auch um ausgefeilte Lösungen fürs Drumherum.

Mehr erfahren

Sportliche Simulationen

Martin Burtscher und Team erforschen optimales Gleiten auf Schnee, Sportbekleidung und Gesundheitseffekte des Alpinsports.

Mehr erfahren

Schnee der Zukunft

Schneemessung per Satellit, Milliarden Daten, intelligente Vernetzung + innovative Schneeerzeuger = Pistenmanagement 4.0.

Mehr erfahren