Eine Frage des Geldes

Oft fehlt es Start-ups am notwendigen Kapital und an Sicherheiten, die klassische Kreditfinanzierung via Bank wird zunehmend schwieriger. Abhilfe kann ein großer Investor oder ein Schwarm kleiner Investoren schaffen – wie im Fall der Tyroler Glückspilze, Organoid Technologies und Blue Code.

Geschäftsideen mögen vielleicht vom Himmel fallen, ihre Umsetzung eher weniger, ihre Finanzierung mit Sicherheit nicht. Drei Jahre Arbeit von drei Leuten und eine Million Euro stecken in der Entwicklungsphase der duftenden Dekorbeschichtungen, sagt Organoid Technologies-Gründer Martin Jehart. Die Welt der Pilze habe ihn schon als Kind fasziniert, blickt Mark Stüttler, der Macher der Tyroler Glückspilze, zurück – Ende der 90er Jahre habe er begonnen, sich intensives Wissen über Pilze und Pilzkulturen anzueignen, ehe er 2012 das Mushroom Production Center gegründet habe, um hochwertige Bio-Pilzprodukte herzustellen. Und Michael Suitner investierte ein Jahr und 350.000 Euro, um seine Idee, eine App fürs bargeldlose Zahlen via Smartphone an die Kassa zu bringen. Gemeinsam ist den drei Tiroler Start-ups nicht nur die Energie, die sie für ihre Unternehmensträume mobilisierten, sondern auch die – erfolgreiche – Suche nach Kapital, um eben diese Träume Realität werden zu lassen.

Rund 37.000 Unternehmen werden in Österreich jährlich gegründet, das Thema Finanzierung ist dabei ein Dauerbrenner. Oft fehlt es am notwendigen Kapital und an Sicherheiten, die klassische Kreditfinanzierung via Bank wird zunehmend schwieriger. „Die Banken haben uns keine Chance gegeben“, erinnert sich Mark Stüttler. Doch die Suche nach privatem Beteiligungskapital ist keine leichte. „Es braucht rund 100 Investorengespräche, um einen Investor zu finden“, schätzt Michael Suitner. Ist allerdings einer gefunden und passt die Chemie, kann ein Investor durchaus mehr sein als ein finanzieller bzw. strategischer Partner – wie im Fall von Organoid Technologies die Georg Ackermann GmbH. Bezog man am Anfang viel Know-how und aktuelle Trends von der Tischlerei aus dem deutschen Wiesenbronn, ist es inzwischen, so Martin Jehart, „fast eine persönliche Freundschaft – bei gemeinsamen Messeauftritten etwa befeuern wir uns gegenseitig.“

Nach dem Unternehmensstart – 2013 in einer Garage – und einem Zwischenstopp in einem Stadel firmieren Organoid Technologies nun auf 1200 Quadratmeter in Fließ nahe Landeck. In Kontakt zum Bürgermeister der Kleingemeinde kam Jehart via Standortagentur Tirol, bei der Besichtigung der heutigen Organoid-Räumlichkeiten „lag 60 Zentimeter Schnee am Boden, weil das Dach eingebrochen war.“ Ein Kernteam von sieben Mitarbeitern produziert hier die Platten, der Vertrieb – in 45 Länder – ist ausgelagert. Die natürlichen Ausgangsmaterialen – Rosenknospen,

 Lavendelstängel, Kornblumenblüten etc. – für die duftenden Dekorbeschichtungen beziehen sie, wie Gründer Martin Jehart betont, „so weit wie möglich von lokalen Produzenten, das Almheu etwa ist handgesenst“. Neben Ackermann ist bei Organoid mit FSP Ventures – ein Wiener Venture Capital Fonds – ein zweiter privater Investor mit an Bord, gefunden hat man ihn mit Hilfe des Investorennetzwerks Tirol. Die innovative Organoid-Plattformtechnologie passte auch ins Portfolio von FSP Ventures, das seinen Fokus auf innovative, technologieorientierte Unternehmen im Bereich Cleantech setzt.

„Unser Ziel ist es, in unserem Netzwerk nach dem Investor zu suchen, der zur Start-up-Idee bzw. zum Unternehmen passt“, beschreibt Marcus Hofer, der bei der Standortagentur Tirol das Investorennetzwerk Tirol betreut, seinen Job. Neun Deals wurden in den ersten zwei Jahren abgeschlossen, im Juli 2015 versuchte man beim ersten Business Angel Summit Österreichs, in Kitzbühel Investoren und Hightech-Start-ups mit Kapitalbedarf zusammenzubringen. „Es waren 81 Business Angels, hauptsächlich aus Österreich, Deutschland und Norditalien, und 15 österreichische Start-ups, davon fünf aus Tirol, dabei“, berichtet Hofer. Kitzbühel habe man bewusst gewählt und die Überlegung sei aufgegangen, so Hofer, „es waren viele in Kitzbühel lebende deutsche, potenzielle Investoren dabei.“ Die Idee für den Business Angel Summit kam vom Wahlkitzbühler Jürgen Popp, CEO und Founder der CaPaNi Capital AG, der abseits der Start-up-Kernregionen wie London und Berlin attraktive Beteiligungsmöglichkeiten für Business Angels sieht: „Gerade aus dem Umfeld der Universitäten und Fachhochschulen in Tirol entstehen attraktive Neugründungen, bei denen es sich lohnt, genauer hinzuschauen.“ Mit dem ersten Summit sei man sehr zufrieden, bilanziert Hofer, die Vorbereitung für den Nachfolge-Summit im Juli 2016 sei ebenso am Laufen wie vertiefende Gespräche von Start-ups mit Investoren. 

Einen Investor hat auch Michael Suitner, dessen Unternehmensstart – so wie bei Organoid – mit Eigenkapital und von der aws, der Austrian Wirtschaftsservice GmbH, unterstützt wurde. „Man muss sich in einen Investor hineinversetzen“, ist der studierte Jurist und Betriebswirt überzeugt: „Er will erste Schritte sehen.“ Im Falle Suitners war dieser erste Schritt der Auftrag, die Bezahl-App programmieren zu lassen. Die Idee sei ihm in seiner Zeit im Zahlungswesen, im Umfeld von MasterCard gekommen: eine Zahlungsmöglichkeit mit dem Smartphone, ohne dass sensible Daten auf diesem gespeichert sind. Die Lösung ist die Blue Code App, die einmal verwendbare – und nach vier Minuten gelöschte – Barcodes via App zur Verfügung stellt. Suitner: „Damit bleibt der Kunde praktisch anonym.“ Suitner konnte mit seiner Idee erste Investoren gewinnen, 2012 startete Blue Code in Tirol mit einer Lebensmittelkette und einer Partnerbank, 2013 folgte der Einstieg eines Schweizer Investors – ​„Intere-

ssanterweise haben wir uns von Anfang an mit Schweizer Investoren leicht getan“ –, heute kann man bei MPreis, Merkur, Billa, Sutterlyti, Hartlauer, BIPA, Tyrolia Buchhandlungen, bei Gutmann Tankstellen aber auch z.B. in Kinos mit Blue Code bargeldlos zahlen. Der nächste Schritt, so Suitner, ist Deutschland, für 2016 ist dieser geplant, unterstützt wird er dabei wiederum von seinem Schweizer Investor. Wichtig bei der Investorensuche sei, blickt Suitner zurück, dass man die „Euphorie über die eigene Geschäftsidee kühl auf Papier bringt“ und versucht, „den ersten Schritt mit eigenem Geld, Geld von Freunden oder Crowdfunding zu gehen“.

Diesen Weg des Crowdfunding geht, neben privaten Investoren, Mark Stüttler – schon zum zweiten Mal. In einer ersten Runde sammelte er für sein Start-up Tyroler Glückspilze über die Online Crowdfunding-Plattform greenrocket.com 140.000 Euro ein. Geld, das auch dazu verwendet wurde, das breite Einsatzspektrum des hauseigenen Pilz-Know-hows zu spezifizieren. „Schwammerln“, erzählt Stüttler, „könnten als Dämmmaterial, als Styroporersatz und im Recycling eingesetzt werden.“ Oder in der Landwirtschaft, wo sie im Vergleich zu Kartoffeln das Vielfache an Ertrag pro Hektar einbringen würden, nämlich 800 Tonnen im Jahr. Im hauseigenen Innsbrucker Labor züchtet Stüttler mit seinem dreiköpfigen Team erfolgreich auf 800 Quadratmeter verschiedene Bio-Pilz-Substrate für z.B. Champignons oder Shiitake, in seinen Brutstuben gedeihen Glänzende Lackporlinge (Reishi/Ling Chi), Raupenpilze (Cordyceps sinsnsis) oder Schmetterlingstrameten (Trametes versicolor). Produziert werden auch Bio-Vitalpilzpulver und -extrakte als Nahrungsergänzung sowie Mykorrhiza-Pflanzendünger für Garten und Landwirtschaft. Verstärkt setzt man nun auf die Nahrungsergänzungs-mittel-Produkte und konnte in den letzten Monaten den Vertrieb – mehr als 150 österreichweite Verkaufsstellen wie Reformhäuser, Apotheken, Drogeriemärkte oder Gärtnereien – kontinuierlich ausbauen. Nun ist das Ziel, mit Nahrungsergänzungsmitteln made in Tirol ein Gegengewicht zu Importen aus Asien zu schaffen, Kapital für die dazu notwendigen Schritte soll die zweite Crowdfunding-Runde bringen. „Wir haben bewusst auf den Herbst gewartet“, spricht Stüttler das neue Crowdfunding-Gesetz in Österreich an, das Erleichterungen für die Start-ups, aber auch Schutz für die Klein-Investoren bietet. Österreich reagierte damit auf den in den letzten Jahren entstandenen Crowdfunding-Trend, als Starthilfe für Start-ups – denn Geschäftsideen mögen vielleicht vom Himmel fallen, ihre Finanzierung mit Sicherheit nicht.

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