Tiroler mit Durchblick

Rolf Spectacles, Gloryfy und Visalyze sind drei Beispiele von Tiroler Gründungen, die sich in den vergangenen Jahren zu bekannten Playern entwickelt haben – und dabei auf den perfekten Durchblick setzen.

Die Halle lässt noch den Lärm großer Maschinen erahnen, man glaubt, das Fräsen, das Kreischen von Metall zu hören. Indes, der deutsche Mutterbetrieb schloss Ende 2010 den Werkzeugbau im Außerferner Weißenbach, still war es danach, doch nur für wenige Monate. Heute werkeln wieder rund 50 Leute in der Halle, recht unkonventionell wirkt das Interieur. Die alte Gondel der Reuttener Hahnenkamm-Bahn dient den Praktikanten als Arbeitsplatz, in einer anderen ausrangierten Gondel wird geskypt, der Besprechungsraum ist ein alter Holzcontainer, die Verglasung stammt aus dem Altbestand der Uni Innsbruck. So ungewöhnlich die Einrichtung, so ungewöhnlich auch die Produkte, welche die Halle verlassen: von Hand gefertigte Brillen. 2008 gründete Roland Wolf mit seinem Bruder Christian sowie Marija und Martin Iljazovic in Lechaschau das Start-up Rolf Spectacles. Mit einem „Mix aus Utopie und Wahnsinn“, wie Wolf meint, produzierten sie 2009 in einer Garage ihre ersten patentierten Holzbrillen. Heute, zahlreiche internationale Designpreise, eine Steinbrillen-Erfindung und einen Zwischenstopp in Höfen später, ist die Brillenmanufaktur Rolf Spectacles der größte Arbeitgeber in Weißenbach.

Fast zeitgleich und ebenfalls in einer Garage startete ein anderes Brillenprojekt in Tirol. Im Jahr 2004 hatte der damalige Werber Christoph Egger die Idee für eine unzerbrechliche Brille, steckte Energie und Hirnschmalz in Verfahrenstechnik, Laborarbeit, Materialsuche und Weg zur Serienreife. 2008 präsentierte er den Prototyp seiner Gloryfy Unbreakable auf der opti, der internationalen Messe für Optik & Design in München, seit 2011 sorgt er am Markt für einen bruchfesten Durchblick mit Ski- und Sonnenbrillen, optische sollen 2016 folgen.

Für einen Durchblick der ganz anderen Art will der Innsbrucker IT-Spezialist Christoph Holz sorgen. 2012 gründete er in Innsbruck das Unternehmen Visalyze und entwickelte eine Visualisierungssoftware zur qualitativen Analyse und Steuerung von Social-Media-Auftritten. Führten Medienbeobachter früher Strichlisten über die Nennung von Markennamen in Zeitungen, hat sich in der digitalen Welt laut Holz am Prinzip nicht viel geändert: „Es gibt über 200 Social-Media-Monitoring-Tools, die in elektronischer Form Strichlisten führen. Das ist eine Web -1.0-Technologie für ein Web-2.0-Problem.“ Seine Software visualisiert nicht nur Strichlisten anschaulich, sondern stellt auch

die Relevanz und den Kontext der Information dar.

Gloryfy, Rolf Spectacles und Visalyze sind nur drei Beispiele von Tiroler Gründungen, die sich in den vergangenen Jahren zu internationalen Playern entwickelt haben – und dabei unterschiedliche Wege gegangen sind. Roland Wolf fand – nach Optikerlehre, Snowboardlehrer, Greenkeeper und Jahren in Berlin – wieder in seine Heimat zurück, wollte Kreativität, Internationalität und Mode ins Außerfern bringen. „Ich war der Überzeugung, dass alles machbar ist“, blickt er zurück. Und so habe er sich in das Unternehmen gestürzt, gebastelt, probiert, experimentiert. Eine neue Art der Brillenfertigung war das Ergebnis, die es ermöglicht, aus Holz auch gewölbte Fassungen zu gestalten. Auch in den Bereichen Gelenk – komplett aus Holz und schraubenlos – und Verglasung wurde Neuland betreten. Unterstützung gab’s durch die Familie und den Businessplanwettbewerb adventure X der Standortagentur Tirol und durch CAST, Center for Academic Spin-offs Tyrol. „Wir waren Neueinsteiger beim Thema Geschäftsplanung“, sagt Wolf, „und haben in der ersten Zeit auch einiges vergessen zu machen.“

Gelernt habe man viel, auch über die Branche. „Als wir angefangen haben, gab es zwei Firmen, die Holzbrillen hergestellt haben. Heute sind es 120, 130 – und es wird wie wahnsinnig kopiert“, ärgert sich der 37-Jährige, der Wert darauf legt, dass alles – Brillen, Messestände, Brillenetuis (aus Holz, nona, die neun Euro in der Produktion kosten), Samplekoffer, Marketing, Fotoshooting etc. – inhouse und vor Ort gemacht wird. Das habe seinen Preis, räumt Wolf ein, Rolf-Brillen bewegen sich im hohen dreistelligen Bereich. „Unsere Firma ist eine kleine Vision, etwas besser zu machen“, meint Wolf. Über 20 internationale Preise haben Rolf-Brillen inzwischen gewonnen, die Jahresproduktion liegt in fünfstelligen Höhen, dem ersten Shop in Reutte – eine stillgelegte Tankstelle – folgte in der Zwischenzeit ein zweiter im Zentrum Wiens am Franziskanerplatz.

Nicht nach Wien, sondern in die USA zog es Christoph Holz. Der Endvierziger wollte 2014 einfach wissen, ob es jenseits des großen Teichs eine seinem Produkt vergleichbare Konkurrenz gibt. „Nein“, lautet sein Resümee nach mehrmonatiger Marktbeobachtung, Kontakt- und möglicher Investorenpflege. Ein überlegter Schritt, denn Holz will 2016 durchstarten. Rund 1,6 Millionen Euro stecken in seinem Start-Up, Förderungen erhielt er von der aws (Austria Wirtschaftsservice GmbH ) und der FFG (Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft), betreut wurde er u.a. von CAST („Ein toller Support in der Startphase.“). Sein erster Kunde war eine österreichische Brauerei, der Visalyze die Facebook-Kommunikation anschaulich auf den Bildschirm 

brachte. Grundvoraussetzung war das Holz’sche Know-how im  Bereich der Datenvisualisierung und die Tatsache, dass Facebook vor rund drei Jahren seine Programmierschnittstelle freigegeben hatte. „Die Twitter- und Facebook-Feeds von Unternehmen sind die Marktplätze der Information, die wir unter die Lupe nehmen“, so Holz. Und man sei – derzeit mit acht Mitarbeitern und einem guten Dutzend Kunden – ausbaufähig, mit der nächsten Finanzierungsrunde soll nicht nur der globale Vertrieb gestartet, sondern noch mehr Social Media ins Portfolio eingespeist werden. Visalyze, räumt der Unternehmer Holz immer wieder ein, sei seine Art, der Midlife-Crisis zu begegnen, außerdem der Wunsch, von Tirol aus etwas aufzubauen, was über die Grenzen hinaus Bedeutung hat.

Von jenseits der Grenzen kommen auch immer wieder Besucher zu Christoph Egger. Der Gegensatz von ländlicher Idylle und der weltweiten Coolness seiner unzerbrechlichen Gloryfy-Brillen sei kein Problem, meint er, im Gegenteil: „Unsere Besucher, darunter viele internationale Extremsportler, finden es supercool und authentisch.“ Seit 2011 ist der ehemalige Werber mit seiner Erfindung auf dem Markt und produziert rund 60.000 Brillen im Jahr, immer noch in einer Garage in Mayrhofen, lacht Egger. Allein ist er längst nicht mehr, im Zillertal und am Stammsitz Rotholz inklusive Werbeagentur sind in der Zwischenzeit 30 Mitarbeiter beschäftigt. „Das Projekt war ein paar Mal am Scheitern“, gibt Egger zu, es habe einen Sturschädel gebraucht, um es fertig zu bringen. Neben zwei FFG-Förderungen steckt vor allem Eigenkapital in Gloryfy, Geld, das sich Egger mit einer Handyhalterung aus Silikon verdiente. Über eine Million Stück verkaufte er davon in der Vor-Smartphone-Zeit, 2005 dann das Patent und den Vertrieb. „Mein Ziel war, 2008 mit den Brillen am Markt zu sein und noch 300.000 Euro für die Markteinführung auf der Seite zu haben“, erinnert sich Egger. Fertig war er 2010, „300.000 waren keine mehr da, dafür aber Schulden.“ Mit Guerilla-Taktik, so Egger, schaffte man den Zugang zum Sportbereich, heute werde man in Fachkreisen in einem Atemzug mit Adidas Eyewear, Julbo oder Oakley genannt. Die Marke Tirol und ihr Bezug zum Sport, gibt Egger zu, habe ihm viel geholfen – und wenn es keine sportlichen Beziehungen waren, dann eben lokale. 2015 war man mit einer eigenen Brillen-Kollektion Partner des Life Ball in Wien, in Kontakt kam man über eine enge Mitarbeiterin von Gery Keszler – eine Tirolerin.

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